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Rezension
24.12.2009

Mit fremder Feder

Surrealistisches Katz-und-Maus-Spiel

Surrealistisches Katz-und-Maus-Spiel

Untitled document Fabrice Lebeault hat in seinem Comic „Mit fremder Feder“ eine surrealistische Hommage an den Fortsetzungsroman des 19. Jahrhunderts. Darin wird der junge Autor Fortuné von der Groschenromanfigur „Rabe“ aus der Welt der Vorstellung heimgesucht.

Untitled document Der Protagonist von „mit fremder Feder“ ist Fortuné d‘Hypocondre. Im Paris des 19. Jahrhunderts ist der promovierende Student, angehende Schriftsteller und Literaturkritiker der Verzweiflung nahe. Denn er wird ständig von einem Fantasiewesen heimgesucht, das nur er sehen kann und das ihn mit seinen Bitten belästigt. Es handelt sich um den Raben, einer Groschenromanfigur, die der junge Schriftsteller nur zu gut kennt.

Denn der Gelegenheitsliteraturkritiker verdächtigt den Autor der Groschenromane Homère Saint-Illiède des Plagiats. Wörtlich bezeichnet er ihn in einem seiner Artikel als „diebische Elster“ und wirft ihm vor, Sätze aus bekannten Romanen miteinander zu vermischen und in seinen Groschenromanen neu aufzuwärmen. Der Verdacht Fortunés bewahrheitet sich, als ihn der Rabe soweit gebracht hat ihn zu helfen. Da die aufdringliche und zwiespältige Groschenromanfigur Unsterblichkeit erreichen will, benötigt si hierfür die einflussreiche Hilfe Fortunés bei dessen Schöpfer Saint-Illiède.


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Untitled document Denn auch die Welt der Vorstellung ist nach (kapitalistischen) Strukturen gegliedert. So steigt die literarische Figur in Rang und Ansehen mit ihrer Bekanntheit und der Leserzahl in der Wirklichkeit auf. Und um sich auf ewig bei den Lesern zu manifestieren will der Rabe sein Dasein als gerechter Rächer zugunsten einer Rolle als skrupelloser Verbrecher aufgeben. Damit das auch geschieht soll der Student den Schöpfer also nun überreden.

Fabrice Lebeault („Horologium“) erschafft in „Mit fremder Feder“ eine Hommage an den Fortsetzungsroman des 19. Jahrhunderts. Allen voran „Der Graf von Monte Cristo“ von Alexandre Dumas kann als Vorbild für Lebeualts Geschichte ausgemacht werden. Auch Edmont Dantès alias Graf von Monte Cristo ist wie Rabe ein selbsternannter und moralisch zweifelhafter Rächer und hat eine gespaltene Persönlichkeit, die sich in mehreren Identitäten äußert. Im Fall von Rabe ist der Leser Zeuge, wie sich die Groschenromanfigur eine zweite Maske anlegt – eine rabenähnliche Maske trägt er bereits.


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Untitled document Nomen est Omen: Fortuné d’Hypocondre bedeutet soviel wie „Schicksal des Hypochonders“. Und hier kommt die (Selbst)Ironie von Lebeault zum Ausdruck. Das Schicksal des Hypochonders ist es, dem Raben zur zweiten Maske bzw. zu einer weiteren Identität zu verhelfen. Lebeault erreicht in seiner Erzählung den surrealistischen Gipfel, wenn er zunächst andeutet – wie d’Hypocondres „Roman für das Volk: Ein erdachter Bürger im Dienst der sozialen Ordnung“ – um daraufhin explizit mit den verschiedenen Ebenen zu spielen. So bemerkt Fortuné ganz trocken, dass auch er nur erdacht sein könnte, was Lebeault metaphorisch (und treffend) als „Spiegel im Spiegel“ bezeichnet.

Die Geschöpfe in „Mit fremder Feder“ verselbständigen sich. Sie haben ihren eigenen Willen und machen was ihnen gefällt. Der undurchschaubare Rabe führt den ahnungslosen Fortuné für seine Zwecke an der Nase herum, genauso, wie es der Schriftsteller Saint-Illiède mit seinen Lesern macht, die er letztlich mit einem blutrünstigen Roboter täuscht, indem er Klassiker trivialisiert – hier wird auf den frühen Fortsetzungsroman „Mimili“ von Heinrich Clauren verwiesen. Endlich täuscht auch Lebeault wiederum den Leser von „Mit fremder Feder“ und treibt ein doppeltes Spiel. Zum einen führt auch Lebaeult durch seine Wendungen und doppelten Böden den Leser an der Nase herum, der glaubt die Handlung zu durchschauen. Und zum anderen kritisiert er durch seinen Helden Plagiate, knüpft aber selbst offenkundig  an vorhandene Romane an.

Das surreale und satirische Abenteuer wird von Lebeault gekonnt durch einen einfachen Strich in Szene gesetzt. Seine Zeichnungen kommen ohne Detailbesessenheit aus und lassen damit noch Platz für die eigene Vorstellungskraft. Die Farben stammen von Albertine Ralenti. Sie sind düster und geben perfekt die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts wider. Erwähnenswert sind noch die schwarzweißen fotographischen bzw. kinematographischen Panels, die durch ihre realistische Ästhetik zu überzeugen wissen.

Untitled document Finix Comics haben begonnen ihr Programm unter dem Sublabel Edition Solitaire zu erweitern. Fortan werden dort abgeschlossene Hardcover-Alben im Überformat veröffentlicht. Als Zugabe werden die Umschläge durch „Spot-Lack“ veredelt und je nach dem, ob etwas vorliegt, auch exklusives Bonusmaterial hinzugefügt. Im Fall von „Mit fremder Feder“ ist neben einem interessanten Nachwort des Herausgebers Louis-Antoine Dujardin das vollständige ursprüngliche Manuskript von Fabrice Lebeault mit einigen Entwurfsbildern abgedruckt.

Fabrice Lebeault (Text und Zeichnungen)
Mit fremder Feder
Hardcover, 80 Seiten, farbig
ISBN: 9783941236226
Preis: 17,80 EUR

Autor(en): MB

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