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Rezension
10.11.2009

Das große Spiel 1 - Ultima Thulé

1945: Vier Jahre nach dem 2. Weltkrieg

1945: Vier Jahre nach dem 2. Weltkrieg

Untitled document Jean-Pierre Pécau ist so etwas wie der Hausautor des französischen Delcourt-Verlags. Für insgesamt dreizehn Serien hat er für Delcourt die Szenarien verfasst – darunter langlebige Erfolgstitel wie Nash (2007 mit dem zehnten Band abgeschlossen), L’Histoire Secrèt“ (wo seit 2005 bereits 16 Bände erschienen sind!) und vor allem Arcanes und die Spin-off-Serie Arcane Majeur (zusammen auch bereits 12 Bände seit 1998).

Untitled document In Deutschland hatte die faszinierende Science Fiction-Serie Nash es einst auf drei Alben beim alten Splitter-Verlag gebracht und wartet seitdem darauf, dass sich ein neuer Verlag dieses Titels annimmt. Die anderen Erfolgsserien von Pécau haben hingegen beim Verlag „Bunte Dimensionen“ eine deutsche Heimat gefunden: Hier sind bisher drei Bände von Arcanes sowie vier Bände der Macht der Archonten (wie L’Histoire Secrèt hierzulande heißt) erschienen. Obwohl wie erwähnt von beiden Serien noch reichlich unveröffentlichtes Material auf Französisch vorliegt, schickt BD dieser Tage mit Das große Spiel einen dritten Pécau-Titel ins Rennen.

Bei dieser Serie arbeitet der Szenarist mit Léo Pilipovic zusammen, der ihn bereits bei einigen Bänden der Archonten unterstützte. Wer Pilipovics Arbeiten für diese Serie kennt, weiß, dass den Leser auch beim Großen Spiel facettenreiche Zeichnungen mit präzisem Blick für Details, atmosphärisch dichter Farbgebung und  überzeugender Darstellung von Figuren und Settings erwartet. Hier hat BD einen grafisch wirklich schön gemachten Titel an Land gezogen.


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Untitled document Die Story ist im Genre der „Alternative History“ zu verorten – sonst eher aus der US-amerikanischen Literatur- und Comicszene bekannt: Durch den Einsatz einer „Wunderwaffe“ (Luftschiffen, die aus großer Höhe Präzisionsbombardements vornehmen können) gelingt es den Westalliierten im Mai 1940 den Vormarsch der deutschen Truppen bereits in Belgien zu stoppen. Zeitgleich wird das „Dritte Reich“ im Osten von der UdSSR angegriffen, deren Streitkräfte schnell vor Berlin stehen. Adolf Hitler begeht Selbstmord, und sein Nachfolger Rudolf Hess schließt einen Waffenstillstand im Westen – zu dem die Alliierten bereit sind, da sie ein geschwächtes Nazi-Deutschland im Vergleich zu Stalins Russland als kleineres Übel betrachten.

Fünf Jahre später herrscht immer noch Krieg zwischen Deutschland und der UdSSR – während man in Frankreich eine trügerische Ruhe genießt. Passenderweise begegnet uns der Protagonist von Das große Spiel, der Journalist Nestor Serge, so auch im Heimaturlaub in einem typischen, idyllischen französischen Dorf. Dort ereilt ihn die Nachricht seines Chefredakteurs, er habe sich umgehend in Paris einzufinden. Der Grund dafür sind dramatische Ereignisse im hohen Norden: Das nagelneue Linienluftschiff „Charles de Gaulle“ der Air France ist auf seinem Jungfernflug mit mehreren hundert Passagieren an Bord über Grönland spurlos verschwunden! In der Folge wird Nestor vom Geheimdienst und seinem Chef dazu angehalten, eine Suchmission als Berichterstatter zu begleiten.

Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als die Charaktere: In einer Art Prolog – visuell beeindruckend in Szene gesetzt – sieht man, wie die „Charles de Gaulle“ von rätselhaften „Ghost Rockets“ attackiert wird und in der Luft explodiert. Eine Gruppe Inuit wird Zeugen der Katastrophe – und ihre ominösen Andeutungen machen, ebenso wie ein nahe der Unglücksstelle im Eis eingeschlossenes mysteriöses U-Boot, deutlich, dass hier weit mehr dahinter stecken könnte als ein bloßer terroristischer Akt...


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Untitled document Im Laufe der Handlung mehren sich denn auch die Hinweise auf übernatürliche Aktivitäten. Da wird vermutet, Hitler sei die „Marionette von etwas viel Schrecklicherem“ gewesen, ein Superheld in Fleisch und Blut attackiert den Protagonisten in seiner Wohnung – und es gibt Hinweise darauf, dass die Nazis mit geheimnisvollen Mächten im Bunde stehen. Der Schlüssel zu allem scheint in Grönland zu liegen, von wo aus zudem skandinavische Länder mit den erwähnten „Ghost Rockets“ beschossen worden sind und wohin aus dem Hamburger Hafen regelmäßig Frachtschiffe auslaufen. 


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Untitled document Ob einem die Überfrachtung der Story mit Fantasy-Elementen zusagt oder man eine realistischere Science Fiction-Geschichte treffender gefunden hätte, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. Die Verbindung von Nazis und okkulten Elementen hat jedenfalls Hochkonjunktur und scheint eine besondere Faszination auf Comicautoren auszuüben. Wer die beiden CrossCult Publikationen Ich bin Legion und The Life Eaters mag, sollte daher bei Das große Spiel unbedingt zugreifen.

Die Lektüre dieses Bandes ist durchgängig fesselnd. Es gelingt Pécau und Pilipovic, eine intensive Atmosphäre und viel Spannung aufzubauen. Dass ihnen dabei einige Ungereimtheiten in der Plotstruktur und vor allem Fehler bei den geschichtlichen Hintergründen unterlaufen und manche historische oder literarische Referenz ein wenig bemüht erscheint, kann man den beiden daher verzeihen. Das große Spiel ist sicher nicht sonderlich subtil und nichts für Feinschmecker des „Alternative-History“-Genres – liefert aber gute und packende Unterhaltung. Als Leser will man von Anfang an wissen, was hinter den Ereignissen steckt und wie es weitergeht – welche weiteren bösen Machenschaften der Nazis wohl in den geplanten drei Folgebänden ans Licht kommen, und welche Geheimnisse „Kap Hope“ – die Absturzstelle des Luftschiffes in Grönland – verbergen mag.

Für schnelle Befriedigung dieser Neugier dürfte dabei gesorgt sein – sind das zweite und dritte Album dieser Reihe in Frankreich doch bereits erschienen. Der Folgeband lässt unter dem Titel „Les Dieux Noirs“ („Die schwarzen Götter“) weitere übersinnliche Höhepunkte erwarten.


Bunte Dimensionen
Jean-Pierre Pécau, Leo Pilipovi
Das große Spiel
- Ultima Thule
Hardcover, 48 Seiten, farbig, A4
ISBN: 97839386980705
Preis: 14,00EUR

Autor(en): HS und TL

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