Anders als der wuschelige Comic-Hund sind die „Gifticks“ allerdings zunächst alles andere als niedlich, sondern geradezu abgrundtief böse. Anders aber auch als „Cubitus“ ist diese aus „Fix und Foxi“ bekannte Serie aus den 70er und 80er Jahren in ihrem Umfang eher überschaubar.
Insgesamt knapp 330 Seiten umfasst das vollständige „gifticke“ Output von Paul Deliège – und seit Februar liegt die Gesamtausgabe – in drei schön aufgemachten Hardcover-Bänden – komplett vor. Sogar ein Schuber ist für Sammler mit gehobenen Ansprüchen erhältlich. Piredda setzt dabei inhaltsgleich die zwischen 2005 und 2009 erschienene französische Gesamtausgabe der „Krostons“ um. Seit dem gescheiterten Versuch von Schreiber und Leser mit „Bobo“, dem ungekrönten König der Ausbrecher, wohl die klassische Serie von Deliège am deutschen Markt zu etablieren, liegt damit von dem 1996 verstorbenen belgischen Autor erstmals wieder eine Veröffentlichung in Albenform vor.
Der erste Band enthält zunächst zwei albenlange Geschichten. In „Geheimnisvolle Bedrohung“ lernen wir den Comiczeichner Max Ariane kennen, dem als Ausweg aus einer kreativen Blockade eine Zeichnung von drei grünen Gnomen sehr gelegen kommt, die sein Sohn aus der Schule mitgebracht hat. Ariane zeichnet diese kurzerhand ab – und erweckt damit die „Gifticks“ zum Leben.

Die Gnome lassen sich nicht zweimal bitten – und sorgen schnell für heillose Verwirrung in Arianes Haushalt. Die erste Episode erzählt denn auch im Wesentlichen davon, wie der Zeichner den „Gifticks“ auf die Schliche kommt und versucht sie zu fangen. Ein Besuch bei Monsieur Flamberge, dem die alte Zeichnung gehört, erhellt zudem Entstehung und Charakter der grünen Bedrohung.
Die zweite längere Geschichte, „Gefahr aus der Druckerpresse“, ist ähnlich aufgebaut wie der Opener – allerdings wird der Schauplatz aus der Wohnung von Max Ariane in die Villa von Monsieur Flamberge verlagert, in die die „Gifticks“ in einem Buch gelangt sind. Auch hier folgen vielfältige Such- und Jagdszenen sowie abgrundtief böse Streiche der „Gifticks“, die deutlich machen, dass sie nicht weniger als die Weltherrschaft anstreben.
Abgerundet wird der erste Teil der Piredda-Gesamtausgabe noch durch einige Kurzgeschichten, unter anderem eine sehr schöne, atmosphärische Erzählung über die „Herkunft der Gifticks“ sowie eine Story über das bekannte „Lied der Gifticks“, welches sie in ihren ersten Geschichten mit Inbrunst anstimmen: „Die Gifticks mit Getöse, sind echt listick und auch böse...“
Auch die beiden Folgebände der Gesamtausgabe warten jeweils mit zwei albenlangen Episoden auf. Alle vier Abenteuer sind dabei in sich abgeschlossen und haben keinen Bezug mehr zur Rahmengeschichte um Max Ariane, wenn es auch zwischen den letzten drei Stories gewisse Kontinuitäten gibt. Erzählt wird aus der Perspektive der Gifticks, die nun ganz klar als alleinige Protagonisten fungieren.
In der Geschichte „Abenteuerliche Entführung“ wird einer der drei grünen Zwerge versehentlich in einem Picknickkorb verschleppt. Seine beiden Freunde nehmen seine Spur auf und durchstreifen eine Welt voller Gefahren (wie Katzen, Hunden oder Autos). Sie begegnen dabei einer Räuberbande und helfen am Ende sogar der Polizei.
Die „Abenteuerliche Entführung“ stellt stilistisch einen gewissen Bruch zu den ersten Erzählungen dar, der sich im Folgenden auch durch die restlichen Geschichten der Gesamtausgabe zieht: Sie sind noch deutlicher im Funny-Stil gehalten und es dominieren Slapstick-Elemente, die in Kämpfen, Verfolgungsjagden, Unfällen und Missgeschicken ihren Ausdruck finden. Die Gifticks selber streiten häufig miteinander und wirken deutlich weniger furchteinflößend, teilweise gar eher ängstlich und tollpatschig.


Eine weitere Geschichte („Das seltsame Haus“) zeigt die Gifticks im Kampf gegen eine Gruppe intelligenter Ratten, die in einer kleinen Stadt die Kontrolle über das bei der Bevölkerung sagenumwobene „Haus des Doktors“ übernommen hat. Ebenso wie die Gifticks streben die Ratten nach der Weltherrschaft – allerdings mit Mitteln moderner Technik.

Weiterhin bietet der zweite Band noch vier Kurzgeschichten sowie einen „One-Pager“. Diese sind von der Story sowie von der Qualität der Zeichnungen und der Reproduktion her vor allem etwas für Komplettisten. „Schliftick“, die bekannte Crossover-Story, in der die Gifticks den Schlümpfen begegnen, fehlt aus lizenzrechtlichen Gründen leider. Hier hat Piredda zu einer Notlösung gegriffen und einen kurzen redaktionellen Text mit stark verkleinerten Abbildungen der französischen Originalseiten illustriert. Somit bleibt das Fix und Foxi-Magazin 04/1977 weiterhin der einzige Ort, an dem diese Story vollständig auf Deutsch veröffentlicht worden ist.
Der dritte und letzte Teil der Gesamtausgabe präsentiert mit „Das alte Schloss“ und „Die Erbschaft“ wie erwähnt nochmals zwei albenlange Geschichten, die inhaltlich zusammenhängen. Mit Hilfe eines von den Ratten aus „Das seltsame Haus“ erbeuteten Roboters versetzen die Gifticks eine Kleinstadt in Angst und Schrecken. Im Kampf gegen die Polizei verbünden sich die drei Gnome mit dem örtlichen Schlossherrn, der auch in der folgenden Geschichte wieder eine Hauptrolle spielt. Das durchschlagende, „gifticke“ Finale dieser Episode bildet dann gleichsam den Abschluss der gesamten Serie. Fans können sich darüber hinaus jedoch noch über ein Interview, welches mit Paul Deliège im Jahr vor seinem Tod geführt wurde, sowie einen umfangreicher Skizzenteil freuen.
Zusammenfassend bieten die „Gifticks“ – trotz zwangsläufig eher linearer Handlungsstränge – grundsolide Comicunterhaltung – zeichnerisch meist ansprechend in Szene gesetzt und gewürzt mit viel Action, unzähligen Gags sowie zu Beginn wirklich bösartigen Hauptfiguren. Die Gemeinheit und Kreativität der „Gifticks“ sind es auch, die diesen Comic in den ersten Geschichten von anderen seiner Art abheben. Die grünen Gnome mit dem Totenkopfhut nehmen keine Gefangenen, hantieren mit Schießpulver, Panzern und Gewehren und haben wahrlich mörderische Ziele. Ihre Untaten werden dabei von Deliège mit großer Liebe für Details gezeigt, so dass sich oft ein zweites Hinsehen lohnt.

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Der Stilwechsel, der sich in der zweiten Episode schon andeutet und der in der dritten Geschichte endgültig vollzogen wird, tut dem Lesevergnügen nur wenig Abbruch. Fortan handelt es sich bei den „Gifticks“ um einen unterhaltsamen Funny im Stil der 70er Jahre – mit vielen Slapstickelementen und nach wie vor action- und abwechslungsreicher Handlung.
Die „Gifticks“ machen auch nach 30 Jahren noch Spaß. Wem die „Schlümpfe“ zu lieb und die „Minimenschen“ zu bieder sind, der findet hier eine Alternative – Comiccharaktere, die stellenweise wirklich böse und hinterhältig sind – und deren Repertoire an Schandtaten im Streben nach der Weltherrschaft schier unerschöpflich ist. Wer Funnies mit originellem und bösem „Twist“ mag – hier zudem in sehr überzeugender Verpackung präsentiert – sollte auf jeden Fall zugreifen.