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Rezension
02.09.2010

Der schreckliche Papst 1

Ein absolutes Highlight des Splitter-Programms

Ein absolutes Highlight des Splitter-Programms

Alejandro Jodorowsky ist wieder zurück! Der chilenische Altmeister scheint sehr von der mafiösen Struktur der Kirche in der Renaissance angetan zu sein. Jüngst hat er das Thema erst in gemeinsamer Arbeit mit dem italienischen Kultzeichner Milo Manara in Borgia (Kult) behandelt.

Bei Der schreckliche Papst wurde ihm Zeichner Theo zur Seite gestellt, der in Deutschland durch Der tönerne Thron (Splitter) bereits seinen Einstieg gemacht hat. Der talentierte Neuling ist hat sich ganz auf historische Stoffe spezialisiert, weshalb er sich auch überhaupt nicht mehr vorstellen könnte, einen Gegenwartscomic zu illustrieren. Das Mittelalter, in erster Linie in der Renaissance in Italien oder Frankreich, ist ganz einfach seine Stärke und seine Leidenschaft. So hat Jodorowsky eindeutig den passenden Comickünstler für sein kirchenkritischen Comic gefunden.


Nachdem Papst Alexander VI. am 18. August 1503 an einer rätselhaften Krankheit stirbt, wiegt sich das römische Volk in hemmungslosen Ausschweifungen. Der Grund ist, dass Römer die verbleibenden Stunden bis zur nächsten Konklave ausnutzen, um sich zügellos Weib und Wein hinzugeben. Derweil schmiedet der skrupellose Kardinal Giulano della Rovere seine finstren Pläne, damit er über Umwege selbst Papst werden kann. Dafür ist ihm jedes erdenkliche Mittel recht. Mit Hilfe seines intriganten Schachzugs zieht er die Fäden so, dass der kränkliche Francesco Todeschini Piccolomini aus Sienna zum Papst Pius III. gewählt wird und sich dafür zum alleinigen Erben des alten Mannes zu machen. Mit den dreisten Bestechungen und Erpressungen gelingt es Kardinal Giuliano della Rovere von Albissola schlussendlich von der Konklave zum Papst Julius II. gewählt zu werden.


Wie in vielen anderen Jodorowsky-Arbeiten dreht sich auch im Auftaktband von Der schreckliche Papst alles um Macht: Machterlang und Machterhalt durch alle zur Verfügung stehenden Mitteln. Was einst durch den italienischen Philosophen und Politiker Niccolò Machiavelli in Der Fürst als Theorie geschildert wurde, wird beim chilenischen Autor konkret veranschaulicht. Der Staatsphilosoph bekommt in „Giulano della Rovere“ – so der Titel des ersten Bandes – sogar eine Nebenrolle als Kollaborateur des eiskalten und pädophilen Kardinals.


Damit ist neben dem Nepotismus auch schon das zweite große Thema angesprochen worden: Sexualität inmitten der katholischen Kirche. Denn die Machtgelüste des Kardinals münden in homosexuellen und pädophilen Praktiken, was als Anspielung auf die zahlreichen globalen Missbrauchsfälle in der Gegenwart – und damit als offene Kirchenkritik – gelesen werden kann. Giulano della Rovere benutzt die sexuellen Fertigkeiten und Reize seinen Jünglings sogar dafür, um den gealterten Francesco Todeschini Piccolomini zu bestechen. Auf diese Weise werden die Gefahren des kirchlichen Amtsmissbrauchs und die potentiellen Auswüchse des Zölibats aufgezeigt.


Theos realistischer Strich brilliert durch Eleganz, historische Authentizität und Dynamik. Die detailreichen Zeichnungen bergen ausdrucksstarke Gesichter und abwechslungsreichen Perspektiven. Die flächigen Farben von Sébastian Gérards fallen kräftig-leuchtend aus, was für starke Effekte sorgt: augenscheinlich ist die häufige Verwendung der Farbe Rot, die unweigerlich als Metapher für „Blut“ oder „Schuld“ interpretiert werden kann.


Jodorowsky-Fans und Liebhaber von fesselnden Historiencomics werden begeistert sein. Jodorowsky bleibt sich und seinem Mantra „nur außergewöhnliche Handlungen [sind] es wert, erzählt zu werden“ jedenfalls bis zum bitteren Ende treu. Durch die Vermischung von historischen Fakten und ausgedachter Fiktion kreiert er gemeinsam mit Theo eine aufregende und prachtvolle Geschichtsschau mit offenkundigem Gegenwartsbezug.

Alexandro Jodorowsky, Theo
Der schreckliche Papst 1
- Giuliano della Rovere
Hardcover, 56 Seiten, farbig, 32 x 23 cm
ISBN: 9783868691610
Preis: 13,80EUR
 

Autor(en): MB

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