 |
 |
| Rezension |
 |
14.12.2010
Gaiman/McKean – Veilchenblau
Erinnerung und Innovation |
 |
|
 |
Heutzutage sind Neil Gaiman und Dave McKean Stars der Branche, vor über 20 Jahren erschien ihr furioses Debüt, das nun von Nona Arte wieder neu aufgelegt wird |
 |
Vor rund 25 Jahren herrschte eine unvergleichliche Aufregung im angelsächsischen Sprachraum hinsichtlich der neuen Comics. Claremont/Byrne mit den „New X-Men“, die für die Mainstream-Produktion von großer Wichtigkeit waren, und vor allem Frank Miller, der den Autorencomic nach Amerika holte, hatten die Weichen für eine bessere Zukunft gestellt. Miller, der nach dem japanisch-frankobelgischen Hybriden „Ronin“ mit Bill Sienkiewicz die Serie „Elektra:Assassin“ schuf, um dann mit „The Dark Knight returns“ alles auf den Kopf zu stellen, hatte eine ganze Industrie verzückt und die Hoffnung auf bessere Comics geweckt. In diesem Zusammenhang wurden die große Verlage auch mutiger und veröffentlichten anspruchsvolle Stoffe, vor allem aber waren sie auf der Suche nach guten Autoren und bei DC machte der Brite Alan Moore zunächst mit „Swamp Thing“ Furore, ehe er mit „Watchmen“ den Superhelden kurzerhand neu definierte, auch wenn es ein bislang singuläres und einzigartiges Werk blieb. Doch die Aufregung bescherte dem Comic eine Vielzahl neuer Autoren und Zeichner. Vor allem aus Großbritannien.
Es war eine spannende Zeit und einige der damals erschienenen Comics sind zu Klassikern geworden. Einige Autoren und Zeichner legten den Grundstein für ihre Karriere und wurden zu Stars. So auch die bis dato unbekannten Briten Neil Gaiman und Dave McKean. Beide wollten in Amerika Fuß fassen, Moore hatte sie dazu ermutigt, doch ihre erste gemeinsame Arbeit erschien noch in England, bei Escape, und es war die 48seitige Graphic Novel „Violent Cases“. Diese machten die beiden in der Szene über Nacht berühmt, denn McKean zeichnete und malte seine Comics mit einem Schwung Innovation. Zusammen mit Zeichnern wie Sienkiewicz, Jon J. Muth oder Kent Williams sorgte er für ein völlig neues Bildverständnis, denn diese Künstler nahmen die Kunst wörtlich und wurden zu der Speerspitze von künstlerisch aufregenden Comics. Dass dabei die Erzählung nicht zu kurz kam, dafür sorgten die Szenaristen J. M. DeMatteis oder Neil Gaiman und völlig neue Comic-Erzählungen entstanden.
Rückblickend entpuppt sich diese aufregende Zeit des anything goes im amerikanischen Comic als bisweilen überhöhte grafische Spielerei, deren Komplexität dann doch nicht über durchschnittliche Comic-Erzählmöglichkeiten hinwegtäuschen kann. Zumal viele Autoren einfach nicht das Niveau der Briten Moore, Gaiman oder Grant Morisson halten konnten. Umso interessanter wenn man unter diesen Gesichtspunkten noch einmal die alten Geschichten hervorholt und neu bewerten kann. Deswegen kann das Debüt von Nona Arte Comics, dem italienischen Comic-Verlag, kaum besser ausfallen. Nona Arte möchte anspruchsvolle Comics für den deutschen Markt verlegen und mit „Veilchenblau“, einer Neuübersetzung von „Violent Cases“ hat man einen der wichtigen Comics der Achtziger Jahre aufgelegt, den man auf dem Backcover mit den Worten bewirbt: „Vor zwanzig Jahren war Veilchenblau bahnbrechend. Heute ist es ein Klassiker.“
1994 erschien „Violent Cases“ erstmalig auf deutsch in der Reihe Feest Graphic Novel, dann war es lange Zeit nur antiquarisch zu bekommen und nun, wo Panini eine „Neil Gaiman Bibliothek“ auflegt, erscheint völlig überraschend das Debüt bei einem anderen Verlag. Gaiman erzählt darin eine Geschichte auf mehreren Ebenen. Da ist die vermeintlich autobiografische Kindheitserinnerung des Autors, der aufgrund eines ausgekugelten Armes die Bekanntschaft mit einem Arzt macht, der der Osteopath von Al Capone gewesen war. Dieser wiederum gibt Anekdoten über Capones Herrschaft zum Besten. So vermischen sich auf kunstvolle Art und Weise die Erinnerungen des Jungen an seine eigene Kindheit mit ungemochten Geburtstagspartys, und den Gesprächen des Arztes, der wiederum aus der Vergangenheit mit Al Capone erzählt. Vieles Erlebte stellt der Erzähler infrage und einiges bleibt im Vagen, wie es natürlich immer beim Erinnern ist, aber schon das Debüt verrät, was für ein außerordentlicher Erzähler Gaiman ist, der zwei parallele Erzählstränge geschickt zu konstruieren weiß und dessen Texte elegant geschrieben sind. Dies wird auch besonders deutlich in der äußerst gelungenen Übersetzung von Marc Oliver Frisch (The walking Dead), der den parlierenden Ton Gaimans bestens trifft.
Gaiman wurde auf der Stelle weg von DC angeheuert und schaffte dort mit „Black Orchid“ und vor allem auch ab 1989 „Sandman“ den Durchbruch. An beiden Projekten war auch Dave McKean beteiligt, mal als Zeichner und mal als Cover-Artist. McKean schafft für „Veilchenblau“ eine experimentelle Grafik, die die frei schwebenden Texte von Gaiman illuminieren. In erster Linie imponieren natürlich McKeans grafische Ausdrucksmöglichkeiten und die ideenreiche künstlerische Umsetzung. „Veilchenblau“ war schon bei Erscheinen ein beeindruckendes Debüt und es hat von seiner Kraft kaum etwas verloren. Zwei außergewöhnliche Künstler am Beginn ihrer Karriere, die Comic-Geschichte geschrieben haben.
Es war nur ein kurzes Aufflackern in den 80er/90er Jahren, dann wurden die grafischen Experimente wieder aufgegeben zugunsten einer konventionelleren und zugänglicheren Bildsprache. Heutzutage sind McKean, Sienkiewicz u. a. nur noch im zeitlichen Kontext bekannt, und haben kaum mehr Vorbildfunktion. Wohingegen der Autorencomic und die Graphic Novel durchaus zu neuer Popularität gefunden haben. In diesem Zuge die „alten“ Klassiker wieder verfügbar zu machen ist sehr erfreulich. Was an „Veilchenblau“ (im Übrigen ein sehr gewöhnungsbedürftiger Titel) vielleicht am meisten überrascht, ist nicht unbedingt der Innovationswille, der vor 23 Jahren mehr beeindruckt hat, es ist die Tatsche, wie gut sich immer noch die Texte von Gaiman lesen lassen und wie geschmeidig McKean das alles umsetzte, ohne zu artifiziell zu wirken. Im Vorwort sagt Gaiman, dass es ein „Buch über Erinnerung“ ist, und das stimmt in vielfacher Hinsicht, und mit weiteren Büchern aus jener Zeit möchte der Leser gerne erinnert werden („Stray Toasters“ ist nach wie vor auf deutsch unveröffentlicht, „Cages“ von McKean würde sich auch noch einmal gut machen). „Veilchenblau“ ist auf jeden Fall ein viel versprechender Beginn für einen neuen Verlag und weckt auch neue Begehrlichkeiten.
Neil Gaiman, Dave McKean
Veilchenblau
Hardcover, farbig, 48 Seiten, 26 x 19 cm
ISBN: 9788897062080
12,00EUR |
 |
| |
 |
| |
 |
|
|
 |
Autor(en): GG |
 |
 |
|
|
 |
 |
|
 |
|
|
 |
 |
|
|
|
|