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03.03.2011
10 Jahre avant-verlag
Ein Interview mit Johann Ulrich |
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Neben Cross Cult feiert auch der Berliner avant-verlag 2011 sein zehnjähriges Bestehen. Seit der Verlagsgründung im Jahre 2001 ist es dem avant-verlag gelungen, seine Programmaus-wahl als hochwertige Ergänzung der hiesigen Verlagslandschaft zu etablieren. Das belegen zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland.
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PPM: Was waren die Gründe für Sie, Comic-Verleger zu werden?
Johann Ulrich: Anfang des neuen Jahrtausends musste ich als langjähriger Comicleser leider feststellen, dass die neuen und aufregenden Titel, insbesondere aus den europäischen Nachbarländern, leider kaum Eingang in die Programme der etablierten Großverlage fanden. Diesem Missstand abzuhelfen war der Hauptgrund für die Verlagsgründung. Inzwischen, so finde ich, hat sich die Situation durchaus positiv entwickelt. Ein Beleg dafür ist die aktuelle Preisverleihung in Angoulême, gerade einen Monat her: Einer der prämierten Titel ist schon erhältlich („Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ von Ulli Lust stammt gar aus unserem Programm) und „Das Beste Album 2010“ „5000 Kilometer in der Sekunde“ von Manuele Fior erscheint im Mai im avant-verlag. Diese Entwicklung hat sich also enorm beschleunigt. Und auch wir haben einen Beitrag dazu geleistet.
PPM: Welche Comic-Genres werden beim avant-verlag verlegt und warum wurden diese ausgewählt?
Johann Ulrich: Die Bandbreite der avant-Comic-Themen ist groß: so gibt es Comic-Biografien, wie z. B. „Fats Waller“, „Olaf G.“, „Pascin“ und die 2011 erscheinenden Bände „B. Traven – Biografie eines berühmten Unbekannten“ und „Chagall in Russland“.
Darüber hinaus gibt es dicke Comic-Romane wie „Peplum“ oder „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“ um nur zwei zu nennen, bis hin zu theologisch unterhaltsamen Titeln wie „Die Katze des Rabbiners“ oder internationalen Projekten wie „Cargo-Comicreportagen Israel/Deutschland“ oder „Tel Aviv Berlin“.
Zudem publizieren wir selbstverständlich auch einheimische Künstler. Eigenproduktionen wie „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, „Fashionvictims-Trendverächter“, „drüben!“, „Menschen am Sonntag“ oder „Flitter“ zeigen, dass hiesige Autoren sich durchaus mit den internationalen Autorenstars der Branche messen können und auch im Ausland zunehmend für Aufsehen sorgen.
2011 sind natürlich weitere Titel von deutschen Autoren in Vorbereitung: „Trommelfels“ von Marijpol, „Packeis“ von Simon Schwartz und „Der Reigen“ von Birgit Wehye.
Generell gilt: Mit seinen Büchern möchte der avant-verlag Fans des Mediums Comic und die Liebhaber moderner Grafik und Kunst gleichermaßen begeistern. Im Lauf der Jahre entstand so eine Reihe von anspruchsvollen Publikationen, welche die neueren Tendenzen im internationalen Autorencomic präsentieren, und die sich durch sorgfältige Verarbeitung auszeichnen.
Die Hoffnung, mit unseren Titeln einen Beitrag zur Emanzipation des Mediums Comic zu leisten, war und ist das Ziel des avant-verlags.
PPM: Was waren für Sie und den Verlag die Highlights in 10 Jahren avant? Die erfolgreichsten Titel waren…?
Johann Ulrich: Unser erstes Buch „Berlin 1931“ von Cava/Raul war ein sehr erfolgreicher Unternehmensstart. Das Buch war innerhalb eines Jahres ausverkauft. Wir würden es gerne noch einmal auflegen. Allerdings ist es in digitaler Form derzeit nicht vorhanden. Die Arbeit mit den Originalfilmen allerdings ist so kostspielig und arbeitsintensiv dass wir sie nicht mehr machen wollen. Aber evtl. ändert sich die Situation in Bälde.
Ein erstes Ausrufezeichen war dann der „Comic des Jahres“ Preis auf der Frankfurter Buchmesse 2003 für Igorts „Fünf ist die perfekte Zahl“. Gefolgt von Max und Moritz-Preisen für „Die Katze des Rabbiners“ von Joann Sfar, „Die Unschuldigen“ vom großartigen Gipi und zuletzt „Pinocchio“ von Winshluss und „Heute ist...“ von Ulli Lust.
Letztgenannter Titel wird derzeit zum 4. Mal nachgedruckt. Aber auch die dritte Auflage von „drüben!“ neigt sich dem Ende zu.
Im Moment drucken wir zahlreiche Titel der Backlist nach, auch Serien wir „Professor Bell“ um sie auch in Zukunft anbieten zu können. Ein sehr arbeits- und kostenintensives Unterfangen, das fast unbemerkt bleibt.
PPM: Aktuell angesagt: Graphic Novels. Auch avant setzt mit Publikationen auf diese Erfolg versprechende Schiene …
Johann Ulrich: Wir haben schon immer Graphic Novels verlegt. Nur nannten wir sie vor 8 Jahren noch Comic-Romane. Wir lieben dicke Bücher und deshalb versuchen wir oftmals Stoffe in größeren Happen zusammen zu fassen und anzubieten. Sowohl „Fats Waller“ von Igort/Sampayo oder auch „Auf dunklen Wegen“ von David B. sind ja im Original in zwei Alben publiziert worden. Als Lizenznehmer können wir aber beide Alben in einem dicken Buch publizieren. Eine Praxis, die dem Lesefluss dient und natürlich auch einen besseren Service für den Käufer darstellt. Wir überlegen uns immer, ob wir die Originalausgabe nicht verbessern oder optimieren können. Das ist wichtig für unsere Reputation und oftmals beneiden uns sogar die französischen Lizenzgeber um die schönere Ausgabe, welche im avant-verlag erscheint.
„Graphic Novel“ dient als Label für eine neue Generation von Comics, mit neuen Themen und dazu gehören dann auch schön gemachte Bücher. Die meisten unserer Titel der letzten Jahre wurden auf hochwertigem „Munken“- Papier gedruckt. Dazu kommt die haptische Aufmachung der Softcover, ein bewusst gewähltes Alleinstellungsmerkmal unserer Graphic Novel - Produktion.
PPM: Nach dem Start der avant-Facebook-Seite im vergangenen Jahr hat der avant-Verlag nun auch einen YouTube-Kanal gestartet. Dort können sich die Leser und alle Interessierten die neuesten avant-Bücher anschauen und kommentieren. Werden Internet-Medien für die Vermarktung immer wichtiger und breite Präsenz daher angesagt?
Johann Ulrich: Natürlich. Wir versuchen mit unseren Mitteln diese neuen Entwicklungen zu nutzen. Insbesondere die You Tube - Filme halte ich für eine gelungene Möglichkeit, interessierten Betrachtern unsere Titel vorzustellen. Ich denke, die Werbung über diese Kanäle gilt es weiterhin zu verbessern und in die Verlagsarbeit zu integrieren.
PPM: Auf dem Comicfestival in Angoulême wurden gleich zwei Bücher, die im avant-verlag veröffentlicht wurden bzw. werden, ausgezeichnet: “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens” von Ulli Lust erhielt den Prix Revelation (gemeinsam mit Elodie Durand für “La Parenthèse”). “Fünftausend Kilometer in der Sekunde” von Manuele Fior (erscheint im Mai 2011) wurde mit der höchsten Auszeichnung des Festivals bedacht, dem Fauve d’Or für das “Beste Album 2011″…
Johann Ulrich: Ulli Lusts umfangreiche Autobiografie wurde in der Tat sehr erfolgreich in Frankreich publiziert. Neben dem erwähnten Preis in Angoulême erhielt sie ja auch den „Prix Famina“ für das beste Buch einer Autorin vor einigen Wochen.
Im Laufe dieses und des kommenden Jahres werden noch norwegische, schwedisch, dänische, niederländische, italienische und spanische Ausgaben folgen! Ihren Titel „Heute ist...“ kann man schon heute mit Fug und Recht als eine der wichtigsten Graphic Novels der letzten Jahre bezeichnen. Eine Auszeichnung in Angoulême unterstreicht die Qualität des Titels und weckt natürlich auch das Interesse anderer Verlage...
Aber auch „drüben!“ von Simon Schwartz wird in den nächsten Monaten in Frankreich erscheinen.
Das Manuele Fior mit diesem Preis bedacht wurde, freut mich sehr. Der avant-verlag hat ihn entdeckt und sein erstes Buch überhaupt veröffentlicht. Das war „Menschen am Sonntag“ und der Beginn seiner Karriere. Und Manuele ist nicht nur ein guter Autor sondern auch ein guter Freund. Natürlich sicherten wir uns die Rechte für „5000 Kilometer in der Sekunde“ beizeiten, da wir ja schon seit langem zusammen arbeiten.
Übrigens ist das bereits der dritte Titel mit der Auszeichnung „Bestes Album“, der im avant-verlag erscheint. Denn auch „Pinocchio“ und „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“ erhielten diesen Oscar der Comicbranche! Eine schöne Bestätigung für unsere Programmauswahl, denn wir können diese Titel nur machen, weil wir sie uns bereits vor der Preisverleihung gesichert haben. Eine nachträgliche, schöne Bestätigung unserer Titelauswahl.
PPM: Sind solche Auszeichnungen auch in merklich höheren Verkaufszahlen messbar?
Johann Ulrich: Generell gilt: ein Preis zieht immer auch Medieninteresse nach sich und die hilft durchaus dem Verkauf der Bücher. Ein preisgekröntes Buch ist natürlich auch ein schönes Verkaufsargument.
PPM: Wird es spezielle Jubiläumsaktivitäten geben? Am Gratis Comic Tag ist avant mit „Professor Bell: Der Mexikaner mit den zwei Köpfen“ dabei …
Johann Ulrich: Neben der erstmaligen Teilnahme am GCT steht natürlich auch die Neuerscheinung von Band 4 der „Professor Bell“ - Reihe zeitgleich an. Der Titel des 4. Bandes lautet „Die Gesellschaft der toten Königinnen“ und ist in bester Sfar-Tradition wieder ein Mix aus Phantastik und Krimi. Zudem die Neuauflage von Bd. 2 der Reihe.
Im Frühjahr 2012 folgt dann der 5. und abschließende Band von „Professor Bell“.
Außerdem haben wir unsere Autoren gebeten, alternative Cover für avant-verlag - Titel zu gestalten: Wer also wissen möchte, wie David B. „Die Katze des Rabbiners“ zeichnet, oder wie Ulli Lust das Cover von „Olaf G.“ gestaltet, um nur zwei von 12 Beispielen zu nennen, dem bieten wir anlässlich unseres Jubiläums die gesammelten Cover als Postkartenset an. Das Set wird Anfang Sommer erscheinen.
Darüber hinaus werden wir im Sommer eine große Fete mit allen Freunden, Autoren und Mitarbeitern feiern.
PPM: Vielen Dank für das Interview!
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Autor(en): Achim E. Stuehler |
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