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Meldung
14.07.2011

San Diego:

US-Comicmarkt doch nicht mit unbegrenzten Möglichkeiten?

US-Comicmarkt doch nicht mit unbegrenzten Möglichkeiten?

Aufgrund des ZACK-Editorials in Ausgabe #9/2010 zum Comic Salon in Erlangen wurde im Internet im Comicforum (www.comicforum.de) eine hitzige Diskussion losgetreten.

ZACK-Chefredakteur Georg Tempel schrieb damals:

Das 1970 erstmals stattfindende Comicfestival in San Diego zieht mittlerweile fast 130.000 Besucher an und erfüllt die Küstenstadt mit buntem Treiben und pulsierendem Leben.
Das aus der Golden State Comic Book Convention hervorgegangene Ereignis war ursprünglich ein reines Comictreffen, einer Comicbörse oder einem -tauschtag nicht unähnlich, mit nicht einmal 200 Fans. Nach einem Wechsel der Location zum Beginn der 80er Jahre konnten sich die Organisatoren über bis zu 13.000 Besuchern erfreuen. Mittlerweile hatten auch die arrivierten Verlage die Wichtigkeit erkannt und präsentierten ihre Programme und Neuerscheinungen, und Künstler signierten Comic Books und Drucke. Seit 1991 wird die Comic Con im Convention Center von San Diego abgehalten und konnte 2009 127.000 Besucher verbuchen.

Allerdings ist aus der reinen Comic-Messe ein Multi Media-Ereignis geworden, wo nicht mehr nur Comicverlag in aufwändigen Präsentationen und an riesigen Ständen ihre Comics und ihr Merchandise ausstellen. In den letzten Jahren nutzten auch immer mehr Film- und TV-Produktionsfirmen die Convention, um ihre Filme und Serien vorzustellen und das Feedback der Besucher als Gradmesser zu schätzen. So werden dort regelmäßig u.a. erste Trailer von Marvels oder DCs Superhelden-Verfilmungen einem neugierigen und fachkundigen Publikum gezeigt, dessen Einlassungen sehr wohl ernst genommen werden, da die Produzenten wissen, dass sie hier ihr Kernpublikum und die Meinungsmacher finden. Bekannte Schauspieler stehen auf Podiumsdiskussionen Rede und Antwort und finden auch Gefallen daran, ihrem Publikum so nahe zu sein.

Knapp sechs Wochen nach dem Comic Salon in Erlangen schleicht sich beim Autor dieser Zeilen ein leises Dritte Comic-Welt-Gefühl ein. Wie kann es sein, dass man hierzulande mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen hat, während über dem Großen Teich die Eintrittskarten künstlich limitiert werden, da das maximale Fassungsvermögen des Convention Centers mittlerweile erreicht ist? Kann es daran liegen, dass dort dem wilden Kommerz gehuldigt wird, während hierzulande immer noch der Kunstanspruch im Vordergrund steht?

Bodo Birk vom Kulturamt Erlangen schilderte seine Sicht der Dinge im letzten Jahr wie folgt:

Dem Salon wurde in der Vergangenheit immer mal wieder vorgeworfen, sein Programm sei zu weit vom Markt entfernt. Wenn das mit der Forderung nach „mehr Kommerz“ gemeint ist, kann man darüber diskutieren. Wir haben uns in den letzten Jahren in den Ausstellungen und im Begleitprogramm fast ausschließlich an aktuellen Themen des Marktes, an Neuerscheinungen und Trends orientiert. In diesem Jahr haben wir im großen Saal fünf Graphic-Novel-Projekte präsentiert, von denen eines bereits erfolgreich publiziert war und ein weiteres kurz vor der Veröffentlichung in einem großen Publikumsverlag stand. Außerdem haben wir eine große Western-Klassiker-Ausstellung produziert, weil wir beobachtet haben, dass der Western im Comic eine Renaissance erlebt. Wir haben uns in mehreren Ausstellungen mit dem Thema Zeitungscomics beschäftigt, weil die Zeitungen für die deutschen Zeichner inzwischen wieder ein kommerziell (!) wichtiges Betätigungsfeld geworden sind. Wir haben Jens Harders Alpha eine Bühne geboten und unseren Teil zum großen Medieninteresse an diesem Buch beigetragen; als „Dankeschön“ an einen unserer wichtigsten Aussteller haben wir Milo Manara eine kleine Ausstellung gewidmet. Im Comic-Forum werden die Kollegen von Cross Cult zurecht dafür gelobt, wie es ihnen gelungen ist, das Debut-Album Jakob am deutschen Markt zu positionieren. Hat die Jakob-Ausstellung im Zentrum des Salons dazu vielleicht auch einen kleinen Teil beigetragen? Comic-Blogs, Mecki, Duckomenta ... Ich glaube, der Internationale Comic-Salon war in seiner Geschichte noch nie so nah am Markt, wie in diesem Jahr! Das alles übrigens mit Steuergeldern. Alle diese Ausstellungen hat der Salon bezahlt, ohne dafür die Verlage in Anspruch zu nehmen.
Georg Tempels Vorschlag, nach dem Vorbild San Diegos auch in Erlangen die Filmwirtschaft in die Messe zu integrieren, geht meiner Meinung nach an den deutschen Verhältnissen vorbei. Wo sind denn in Deutschland die großen kommerziellen Filmproduzenten, die sich mit comic-nahen Stoffen beschäftigen? Bei den Vorbereitungen zum Filmprogramm des diesjährigen Salons mussten wir sogar der zuständigen Mitarbeiterin beim deutschen Verleih erst einmal erklären, dass die europäische Produktion Vertraute Fremde auf einer Comic- bzw. Manga-Vorlage beruht...


Der Szene Whatcher stellt in seiner neuesten Ausgabe 290 vom 21.6.11 in dem Beitrag „Wie viel Hollywood verträgt San Diego?“ ganz neue Entwicklungen fest, die durchaus überraschend sein dürften und zu einer Neubewertung der Sicht der Dinge führen könnte:

„In diesem Jahr wollen Studios wie Warner, Dream Works Animation, The Weinstein Company und Disney ihre Stände zu Hause lassen und sogar Marvel Entertainment, das im letzten Jahr noch mit einem grandiosen Display für seinen Film The Avengers Furore machte, zeigt sich bislang unentschlossen ob seiner Teilnahme.

Die letzten Jahre in San Diego hatten für manche Filmgesellschaft einen üblen Beigeschmack, da die Präsentationen oft genug, trotz scheinbarer Begeisterung bei den Nerds, mit einem negativen Ergebnis daherkam. Den Massen von teilweise obskur maskierten und verkleideten Fans kommt es zuerst einmal auf die Gaudi und die Party an, aber was sie dann mit ihren Smartphones via Twitter oder die sogenannten «sozialen Netzwerke» in den Rest der Welt verbreiten, wohl weil Stars und Giveaways spannender waren als der Film, sieht anders aus. (…)  Sogar eine vermeintliche gute Stimmung für einen Film auf dem Comic-Con kann trügerisch sein, wenn die Euphorie der Hard Core-Fans nicht den Mainstream erreicht. (…)   Zudem lassen die sehr knappen Anmeldefristen für aufwendige Präsentation in San Diego, den Verantwortlichen in Hollywood wenig Zeit für die Planung der Auftritte ihrer Stars.“  (Autor: J. Heinkow)

Auch wenn Hollywood sich nicht ganz aus San Diego zurückzieht, so muss man wohl nach solchen Meldungen feststellen, dass es auch auf dem US-Comicmarkt keine unbegrenzten Möglichkeiten gibt und auch dort der wirtschaftliche Erfolg das Handeln der Studios bestimmt.


Der komplette Artikel im Szene Whatcher ist zu finden unter:

http://www.szene-whatcher.de/2011/sw290.pdf
 

Autor(en): Achim E. Stuehler

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