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02.12.2014

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Taschen-Verlags + Vorstellung des Mega-Mammut-Werks „75 Years of Marvel“

Benedikt Taschen: „Ohne Disney und Barks wäre mein Leben anders verlaufen“

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Taschen-Verlags + Vorstellung des Mega-Mammut-Werks „75 Years of Marvel“ - Benedikt Taschen: „Ohne Disney und Barks wäre mein Leben anders verlaufen“

Gerhard Förster im Prolog zum Interview: Mir fiel auf, dass manche Comicfans ein enges Verhältnis zu Produkten des Taschen Verlags haben – mir geht es ebenso.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass Benedikt Taschen „einer von uns“ ist? Comics haben ihn geprägt, wenn es auch sicher nicht die einzige Prägung ist. Signalisiert uns ein gewisser Hang zum Edeltrash, der sich immer wieder im Programm niederschlägt, nicht, dass der alte „Bene“ immer noch da ist und das Programm mitbestimmt?
Ich wollte es genauer wissen. Das Buch „75 Years of Marvel“ von Roy Thomas, das noch im Herbst erscheint (mehr dazu in der nächsten SB), gab den Anlass, mit dem Verlag (wieder einmal) Kontakt aufzunehmen. Obwohl Taschen längst ein weltweiter Konzern mit 214 Mitarbeitern ist und man die SB dagegen mit der Lupe suchen muss, rechnete ich mir Chancen aus, dass mir der „Big Boss“ ein Interview gewährt, einfach weil Benedikts Wurzeln bei den Comics liegen und ihn doch etwas mit der SB verbinden müsste, die schließlich seit fast 40 Jahren eine wichtige Rolle in der Comicszene spielt. Und so war ́s dann zu meiner Freude auch.

G.F.: Seit einigen Jahren bringst du auch voluminöse Werke über DC Comics heraus. Gehst du da back to the roots? Wie kamen die aktuellen Comicprojekte zustande?

Benedikt Taschen: Es begann damit, dass DC vor fünf Jahren an uns herangetreten ist, ein Buch zum 75. Jubiläum zu machen. Wir haben uns das eine Zeit lang überlegt und hatten dann eine Idee, wie wir so ein Buch machen könnten. Das hatte dann Marvel gesehen und sie fragten uns auch. Und dann kam Disney, mit denen wir jetzt eine ganze Reihe von XL-Büchern in Planung haben. Plus mehr, aber ich kann ja jetzt nicht alles erzählen.
Und, ja: back to the roots – Comics hatten einen ganz prägenden Einfluss auf mein Leben. Ohne Disney und Carl Barks – denn damit fing bei mir alles an – wäre mein Leben anders verlaufen. Ich verdanke den beiden also meine Karriere und unsere XL-Bücher sind eine Hommage an diese Männer.

G.F.: Bereits mit 12 Jahren hattest du deinen eigenen Comicversand, kurz vor
deinem 19. Geburtstag hast du in Köln einen Comicshop eröffnet und gleichzeitig deinen Verlag gegründet. Das klingt, als ob du dich mit so „unnötigen“ Dingen wie einer soliden Berufsausbildung gar nicht erst herumschlagen wolltest und dir von Anfang an klar war, dass du mal Unternehmer sein wirst. Ohne überdurchschnittliches Selbstvertrauen geht so etwas wohl nicht. Andererseits sagtest du in einem Interview, dass du „lange Zeit ein kommunikationsgestörter Autist“ warst. Wie passt das zusammen?


Benedikt Taschen: Meine Eltern, meine Familie und meine Freunde hatten immer an mich geglaubt und mich geliebt. Ich wurde schnell erwachsen und mein Selbstvertrauen half mir dabei, Dinge oft anders anzugehen. Manchmal hat das dann funktioniert und
manchmal halt nicht.

G.F.: 1984 ging ́s los mit der Taschen-Kunstschiene und euer kometenhafter Aufstieg
begann. Was ich toll finde, ist, dass du Kunst und Trivialität nie wirklich getrennt hast   
und das im Land der Dichter und Denker.


Benedikt Taschen: Mir ist das Publikum immer am wichtigsten, egal ob jemand für 10 Mark
oder 10.000 was bei uns kauft. Jeder Taschen-Kunde soll zufrieden sein und am
besten natürlich sollten die Erwartungen übertroffen werden. Themen und die Beurteilung, ob es sich um was Wichtiges oder nicht handelt, verändern sich im Laufe der Zeit. Wir verlegen im Wesentlichen nur das, was für uns eine persönliche Bedeutung hat, egal ob Kunst, Kitsch oder was auch immer.

G.F.: Der Taschen Verlag ist ein sehr ungewöhnlicher Verlagsriese. Ihr druckt Bücher
von einer umstrittenen Persönlichkeit wie Leni Riefenstahl, du verlegst Kunst und Erotik unter demselben Logo und behandelst sie in gleicher Weise, ohne Angst ums Image. Im Erotiksektor hast du einiges gewagt. Ich kenne z.B. einen Fotoband von Roy Stuart, bei dem inmitten der Softsexdarstellungen plötzlich Hardcore auftaucht und man sich fragt: „Ja, darf denn das der Taschen?“ Oder die Bücher von Eric Stanton und Elmer Batters: Sadomaso und Fußfetischismus. Nicht gerade Mainstream (oder doch?). Meistens fliegen so mutige Kerle wie du im richtigen Leben auf die Nase, du aber nicht. Hast du ein Glücksgen wie Gustav Gans?


Benedikt Taschen: Ja, habe ich! Als ich 30 Jahre alt wurde, hatte ich Monate davor Angst, ob
mein großes Glück, das mich stets begleitete, jetzt vorbei sein könnte. War dann (zum Glück) nicht so, da wurde mir klar: I was born under a lucky star. Das ist keine Leistung und da kann man nichts für, außer sich jeden Tag freuen und dankbar sein, wem auch immer.

G.F.: Ihr habt jetzt auch am Hochpreis-Segment einiges zu bieten. Ehrlich gesagt,
mich stört ein bisschen, dass ihr die Sketchbooks von Robert Crumb so teuer verkauft, nachdem ein Teil der Bücher früher sehr preisgünstig bei Zweitausendeins zu haben war (noch dazu mit Übersetzung).


Benedikt Taschen: Bücher ohne Budgetbegrenzungen machen zu können, ist halt ein
Riesenluxus. Und dass Leute diese Objekte der Begierde kaufen und sammeln, macht es möglich, dieselben Inhalte ein paar Jahre später in anderer Form zu superattraktiven Preisen an ein viel größeres Publikum weltweit zu verkaufen. Das wäre ohne die Sammlerausgaben gar nicht möglich.

G.F.: Was dürfen wir uns von Roy Thomas ́ Marvel-Wälzer erwarten?


Benedikt Taschen: Unglaubliches! Das Buch ist ein wahres Wunder, lasst euch überraschen.



Veröffentlichung des Interviews und Prologtextes mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Förster. Das vollständige Interview gibt es in der aktuellen Sprechblase 231

Special: 75 Years of Marvel – Nach 75 Years of DC präsentiert der TASCHEN – Verlag ein weiteres phantastisches Meisterwerk über die amerikanische Superhelden-Pop-Kultur

Es war schon ein Event für mich, als der Postmann an meiner Haustür klingelte. Nach einem schnell vorgenommen Erweiterungsdurchbruch im Bereich meiner Haustür konnte ich das Mega-Mammut-Werk schließlich in Empfang nehmen. Nach dem sorgfältigen Öffnen des Verpackungspakets erwartete mich überraschender Weise ein Pappschuber mit Tragegriff. Also noch nichts mit „gleich mal in das Buch schauen“.
Zunächst galt es, den Schuber vorsichtig zu öffnen und dann kam der große Moment: Da war es, das unglaublich umfangreiche Werk über die Historie von Marvel Comics. Hardcover, Riesenformat.

Und dann gibt es nochmals ein 134 Seiten starkes Beiheft in Deutscher Sprache. Selbst das bietet schon eine Fülle an Infos zur Marvel-Geschichte, Illustrationen und historischen Coverabbildungen.

“75 Years of Marvel” ist Seite für Seite eine tolle Entdeckungsreise in der Historie des Marvel-Universums. Sehr schöne und rare Bilder dokumentieren ein ganz schön langes Stück Comic-Zeitgeschichte. Autor Roy Thomas schildert die Marvel-Geschichte in einem flüssigen, interessanten und leicht verständlichen Erzählstil. Thomas verfasst seit 1965 Film- und TV-Drehbücher, vor allem aber Comics. Von 1965-80 arbeitete er als Redakteur bei Marvel (1972-74 als Chefredakteur) und war Autor für die Reihen Avengers, Uncanny X-Men, Conan the Barbarian, The Incredible Hulk und Star Wars. Er ist Herausgeber des Comic-Fachblatts Alter Ego und derzeit mit zwei Tarzan-Comics im Web präsent. Herausgeber und Artdirector Josh Baker macht seit 2005 Bücher für TASCHEN. Zu den zahlreichen Titeln, an denen er mitwirkte, gehören u. a. Fotobände von Dennis Hopper, Bert Stern und Ellen von Unwerth als signierte Limited Editions sowie Popkultur-Bestseller wie 75 Years of DC Comics und Norman Mailers Moonfire.

Doch wie fing alles an? Erzählt wird die Entstehung und Entwicklung von Marvel und der Menschen, die die Firmengeschichte prägten, in historischer Form. Hier ein kurzer Überblick über die Marvel-Geschichte: Übernatürliche Superhelden in der realen Alltagswelt zu verankern – mit diesem Ansatz stellten 1939 die Comic-Künstler im Team von Martin Goodman, dem König der Groschenhefte, die traditionelle Fantasy-Literatur auf den Kopf. Mit Figuren wie dem feurigen Androiden Human Torch, dem rachsüchtigen Meeresfürsten Sub-Mariner und den vom Würstchen zum Wunderknaben mutierten Captain America schuf Marvel ein mythologisches Universum, in dem die Leser ihre eigene Welt wieder erkennen konnten und das voller Humor und Herzschmerz steckte. In den frühen 1960er-Jahren brachte dieser kühne Ansatz außergewöhnliche Helden hervor, die heute jeder kennt – Spider-Man, Incredible Hulk, Fantastic Four, Iron Man, Avengers, Thor, X-Men, u.v.m. Das goldene Zeitalter der Marvel-Comics war bevölkert von zankenden Helden, missverstandener Monstern und edlen Bösewichten – ein Vorgriff auf die finsteren Rächer, die in den 1980ern den Ton angeben sollten.

Zur Feier des 75. Geburtstags von Marvel präsentiert TASCHEN eine wuchtige Dokumentation über den einflussreichsten Comic-Verlag unserer Zeit, mit Insider-Informationen nicht nur zu den berühmten Figuren, sondern auch zum Stall der Kreativen, die mitunter ebenso legendär wurden, wie die Protagonisten, die sie schufen: Stan "the Man" Lee, Jack "King" Kirby und ein Aufgebot von Comic-Größen wie Steve Ditko, John Romita, John Buscema, Marie Severin und zahllosen anderen.

Ebenso bewegt wie die Comicgeschichte von Marvel war die Firmengeschichte des Superheldengiganten. Im Prinzip lässt sich die 75jähre Verlagsgeschichte von Marvel von 1939 bis heute schnell auf die Namen TIMELY PUBLICATIONS, ATLAS COMICS und MARVEL COMICS/MARVEL ENTERPRISES reduzieren.
Angefangen hat alles im Jahre 1934, als Martin Goodman „Timely Productions“ gründete. 1939 stieg er, ermutigt durch die Erfolge von Action Comics (Superman u.a.), in das Comicgeschäft ein. Im gleichen Jahr erschien bei Timely die erste Ausgabe der Comicreihe Marvel Comics.
1951 wurden die Timely-Produktionen dann in ATLAS COMICS umbenannt, um dann ab 1961 endgültig unter dem Titel MARVEL COMICS zu erscheinen.
Mehrfach geändert haben sich aber seitdem die Besitzverhältnisse des berühmten US-Comicproduzenten. Aktuell gehört Marvel zu Disney, einem der weltgrößten Unterhaltungskonzerne, der Marvel 2009 übernahm.

Mit Essays des Comic-Historikers und ehemaligen Marvel-Chefredakteurs Roy Thomas ergründet dieses Buch die Herzen zahlloser kostümierter Charaktere, die wie eh und je in Comics, Filmen und den Spielzeugregalen der Welt für das Gute kämpfen.

Autor, Herausgeber und Verlag haben sich mit „75 Years of Marvel“ viel Mühe gegeben: Das Buch im XL-Format enthält über 700 Seiten mit fast 2.000 Abbildungen, darunter alte Comic-Hefte, wertvollste Originalseiten, Fotos mit Blicken hinter die Kulissen, Standfotos aus Filmen und Abbildungen gefragter Spielzeuge und Sammlerstücke, eine über 1,20 m lange illustrierte Zeitleiste in Leporellofaltung und Biografien von über 300 Zeichnern, Autoren, Redakteuren und berühmten Fans, die die Geschichte von Marvel mitprägten, machen dieses Buch zu einem unschätzbaren, lückenlosen Referenzwerk für jeden Comic-Fan.

Da der Band mit 150,-- € sicher auch über einen Mega-Preis verfügt, ist „75 Years of Marvel: from the Golden Age to the Silver Screen“ natürlich vor allem etwas, was man sich unter den Weihnachtsbaum legen könnte oder ein Geschenk zum nächsten Geburtstag. Oder man kauft es sich selbst, als ein ganz besonderes Buch, das man sich mal gönnt.

 




TASCHEN 75 Jahre Marvel
Von den Anfängen bis ins 3. Jahrtausend Roy Thomas, Josh Baker
Hardcover, 712 Seiten, € 150

(c) aller Abbildungen: Marvel/Courtesy Taschen

von Michael Hüster
Stichwörter: Taschen-Verlag

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