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15.09.2015

Weltenbummler Hugo Pratt: kulturelles Phänomen und Mythos

Neuedition von CORTO MALTESE bei Schreiber und Leser

Weltenbummler Hugo Pratt: kulturelles Phänomen und Mythos - Neuedition von CORTO MALTESE bei Schreiber und Leser

Im August 2015 startet mit dem lange vergriffenen Band Südseeballade die Neu-Edition des Comic-Klassikers von Hugo Pratt, beinahe genau zum 20. Todestag von Hugo Pratt am 20. August 2015 bei Schreiber und Leser.

Übrigens ist ein großes ARTE-Feature zu Hugo Pratt für Ende des Jahres in der Produktion und 2016 erscheinen brandneue "Corto Maltese“-Abenteuer aus der Feder neuer Comic-Autoren. Es tut sich also so einiges rund um Corto.

Doch wie fing alles an? 1967 trat für Pratt eine Situation ein, die sich jeder Comic-Zeichner wünscht: Der Genueser Verleger und Pratt-Fan Florenzo Ivaldi gründete das Magazin Sgt. Kirk, das ausschließlich dazu dienen sollte, die bisherigen Arbeiten Pratts in geschlossener Folge in Europa zu publizieren und dem Zeichner zu Weltruhm zu verhelfen: Ein absolutes Novum in der Geschichte der europäischen Comics. In jahrelanger mühevoller Arbeit war es Ivaldi gelungen, die Originalversionen der in aller Welt erschienenen Comic-Storys Pratts zusammenzutragen.
Für das neue Magazin konzipierte Pratt auf insgesamt 165 Seiten eine abgeschlossene  Comic-Erzählung mit dem Titel Una ballata del mare salato (1967, dt. Die Südseeballade) in der auf Seite 7 eine Figur debütierte, die ihn endgültig berühmt machen sollte: Corto Maltese. Ein Globetrotter bot sich als ‚Held‘ der Abenteuer-Story schon aus erzähltechnischen Gründen geradezu an. Pratt nutzte die Figur des Kapitäns ohne Schiff, um Selbsterlebtes in die Handlung mit einzubringen. Die Parallelen zwischen dem Lebenslauf des Autors und seines Protagonisten sind daher kein Zufall.
Wie Pratt zu dieser Geschichte kam, berichtete er in der Einleitung zu Die Südseeballade in dem Comic-Magazin ZACK (1974): Der Chilene Obregon Carranza, einer seiner Freunde, hatte zwischen alten Karten und Büchern seines Vaters Aufzeichnungen gefunden, die er so spannend fand, dass er Recherchen anstellte. Nach langer Zeit kam er auf die Spur von Kapitänleutnant Slütter und von Corto und erfuhr, was sich damals in den deutschen Kolonien der Südsee ereignet hatte. Carranza kam auf die Idee, diese Geschichte erzählen zu lassen.
Von 1970 bis 1973 zeichnete Pratt für die französische Zeitschrift Pif Gadget eine Folge von 21 Corto Maltese - Kurzgeschichten, die in vier Alben zusammengefaßt wurden: Sous le signe du Capricorne, Corto toujour un peu plus loin, Les Celtiques und Les Ethiopiques. Corto Maltese wurde damit zum Held einer eigenen Serie. Diese Kurzgeschichten gehörten zum Besten, was bis dahin aus Pratts Feder geflossen war und legten den Grundstein für seinen späteren Weltruhm.
Corto Maltese tritt im Verlauf seiner verschiedenen Abenteuer als sensibler, unberechenbarer Held an den markantesten historischen Schauplätzen des beginnenden 20. Jahrhunderts auf: Man trifft auf Corto Maltese zunächst in der Mandschurei während des russisch-japanischen Krieges (1904-1905), sieht ihn im Südpazifik und auf der Insel Escondida in Pratts Meisterwerk Südseeballade wieder (1913-1915), reist dann mit ihm nach Südamerika, in die Karibik, nach Maracaibo und ins Orinoco-Delta (1916-1917), gelangt schließlich mit Corto nach Europa (1917-1918), nach Afrika (1918) und verfolgt seine Spur von Hong Kong bis nach Sibirien (1918-1920). Nach Abenteuern in Venedig (1921) und auf der Seidenstraße (1921-1922) kommt Corto Maltese 1923 nach Buenos Aires, um eine Freundin wiederzufinden. 1924 führt ihn sein Weg in die Schweiz und 1925 macht er sich auf die Suche nach dem verlorenen Kontinent (Mû) .
Für alle seine Serien, vor allem aber für Corto Maltese entwickelte Pratt ein Erzählkonzept, das darauf angelegt war, die Grenzen zwischen historischen Fakten und Fiktion aufzuheben.

1983 erhielt Pratts Held Corto Maltese sein eigenes Magazin, dessen Inhalt eine Mischung von kolorierten Versionen älterer Arbeiten Pratts, Vorabdrucken aktueller Projekte des „Meisters“ und Arbeiten ausgewählter junger Talente war. Eine Besonderheit des neuen Corto Maltese-Magazins waren, neben den Comics, die häufig mit Skizzen und Aquarellen Pratts aufgelockerten redaktionellen Beiträge, die als Reiseberichte Corto Malteses oder anderer Globetrotter gestaltet, über Natur, Kultur und Technik in aller Welt berichteten. Pratt war mit der neuen Zeitschrift am Ziel seiner Wünsche angelangt.

In Deutschland erlebte Pratts berühmte Südseeballade 1974 die Erstveröffentlichung in dem Comic-Magazin ZACK (4-20/74). Die jugendlichen Leser wussten mit dem außergewöhnlichen Zeichen- und Erzählstil Pratts wenig anzufangen, und so musste die Story unbeendet nach 119 Seiten abgebrochen werden. Das österreichische Comic Forum veröffentlichte Anfang der achtziger Jahre das Ende der Story (6-11/81).

Am 15.06.1927 wurde Hugo Eugenio Pratt in einer Ortschaft nahe der italienischen Stadt Rimini geboren. Er verstarb am 20. August 1995 im Alter von 68 Jahren in Pully nahe Lausanne.

Worum geht es in dem Pratt-Klassiker „Südseeballade“? Wir schreiben das Jahr 1913. An ein hölzernes Andreaskreuz gefesselt, im Pazifik treibend, hat einer der berühmtesten Abenteuerhelden der grafischen Literatur seinen ersten Auftritt: Corto Maltese. In der Südsee belauern sich die Großmächte, der Erste Weltkrieg bahnt sich an. Zwischen den Fronten betreiben der unberechenbare Rasputin und Corto Maltese, der Kapitän ohne Schiff, zwielichtige Geschäfte im Auftrag eines mysteriösen „Mönchs“. Im Grunde sind sie Piraten, aber mit unterschiedlicher Moral. Denn während Rasputin nicht davor zurückschreckt, ganze Besatzungen den Haien vorzuwerfen und die junge Admiralstochter Pandora Groovesnore als Geisel zu nehmen, handelt Corto nach dem Motto: Leben und leben lassen.

Die Geschichte ist von ihrer Länge her mit 165 Seiten schon außergewöhnlich. Pratt gab das die Möglichkeit, die Handlung langsam zu entwickeln. Es ist daher auch viel Platz in dem Album für tiefer gehende Unterhaltungen zwischen den Protagonisten, außerdem viel Platz für Erklärungen, Briefe usw.
Trotz der Länge hat die Südseeballade eine gewisse Spannung und versprüht Exotik. Das liegt zum einen an der scheinbaren Südseeidylle (die sich letztendlich als ziemlich korrupt und brutal darstellt) und Figuren wie Corto, dem Mönch und Rasputin, bei denen man nie weiß, was als nächstes passiert. Interessant ist die ganze Story für deutsche Leser noch aus einem anderen Grund: schließlich waren u.a. das Bismarckarchipel, das Kaiser Wilhelm-Land und Neupommern Teile der recht unbekannten deutschen Kolonialgeschichte.

Pratts Zeichnungen sind sehr reduziert, Ergebnis seiner Vielzeichnerei in Südamerika und England. Die Panels sind klassisch angelegt. Pratt: „Kurz gesagt bin ich Expressionist. Mein Traum ist es, eines Tages etwas mit einer Linie, die eine Folge von Punkten ist, zu zeichnen, und mit dieser Linie alles zu erzählen. Selbstverständlich ist das unmöglich.“   

Nach all den Jahren ist Pratts Südseeballade immer noch ein bemerkenswerter Comic.

Neben der regulären Farbausgabe gibt es für die Puristen unter den Fans die „Klassik-Edition” mit den ursprünglichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Leseprobe bei PPM  

Und so geht es weiter mit Corto
 

von Michael Hüster
Stichwörter: Schreiber & Leser

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