News - Meldungen

10.02.2016

Interview mit Moritz von Wolzogen

Neu bei Zwerchfell: Totality – Fliegende Schatten

Interview mit Moritz von Wolzogen - Neu bei Zwerchfell: Totality – Fliegende Schatten

Moritz von Wolzogen erzählt in TOTALITY die Geschichte der Freunde Simon, Merle und Storch, die allesamt mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet sind... oder vielleicht doch eher verflucht?

Dezent deutet die Geschichte um Freundschaft und Identitätsfindung auf ein totalitäres Regime im Hintergrund und eine Gesellschaft im Umbruch hin. Moritz zeichnet dabei die Kontraste zwischen seinen Protagonisten genau so fein und unaufdringlich wie die zwischen deren Lebensalltag und der politischen Gesamtsituation.

PPM stellte dem Autor einige Fragen rund um sein Werk.

PPM: Zunächst einmal: wie entstand die Verbindung zu Zwerchfell?

Moritz von Wolzogen: Das ist schnell erzählt: ich kannte Christopher Tauber schon länger über einen Freund, der auch zeichnet, und als ich mit der "Demoversion" meines Comics bei Verlagen hausieren ging, habe ich es auch mal Christopher und Stefan in Erlangen gezeigt. Sie wollten es machen und ich fand, dass sie die richtigen dafür waren. So einfach.

PPM:  Seit wann bist du als zeichnender und schreibender Comic-Künstler tätig?

Moritz von Wolzogen: Zeichnen tue ich seit meinem zweiten Lebensjahr. Ernsthaft mit  dem Schreiben von Szenarios beschäftige ich mich eigentlich erst seit etwa zehn Jahren. Etwa zur selben Zeit kamen auch erste Gedanken an ein längeres Projekt auf, aber die Story veränderte sich immer wieder...

PPM: Was waren deine bisherigen Arbeiten?

Moritz von Wolzogen: Das waren kurze Angelegenheiten, z.B. für das mittlerweile im digitalen Orkus verschwundene Onlinemagazin Inkplosion.de. Und natürlich für Jazam, wann immer ich Zeit und Ideen hatte. Bevor es das gab, wollte ich auch mal was für Panik Elektro machen, aber es kam nicht zustande. Und ein epigonales Kopierheftchen habe ich mal gemacht: "Selbstunfall", ein Riesenflop. Naja gut, Wittek hats für die Comixene totgelobt ("Ich empfehle zur Lektüre Alkohol und Tabletten..."), immerhin.

PPM:  Ohne zuviel zu verraten: worum geht es in Totality? Was ist deine Botschaft?

Moritz von Wolzogen: Es geht um drei etwas andere Kinder, die einen sehr schlechten Tag haben in einer Zeit, in der ein Klima der Angst herrscht. Eine Botschaft? Hm, vielleicht, sich nicht von Angst beherrschen zu lassen?  

PPM:  Stell uns doch mal deine Protagonisten vor!

Moritz von Wolzogen: Alexander Storch (der tatsächlich so heißt, er wird nicht nur so genannt), kann Hologramme erzeugen, aber er will nicht, dass es alle wissen. Dann wäre da Merle Finnendahl, die eine Technikbastlerin ist und deren Erfindung dazu benutzt wird, jemanden in  Schwierigkeiten zu bringen. Und Simon Numan, der unzerstörbar ist, meistens. Also Menschen wie Du und ich.

PPM:  Wie entstand die Idee zu Totality?

Moritz von Wolzogen: Aus einer Krise oder schlechten Stimmung heraus. So was kann schon mal passieren. Es kam viel an Ängsten zusammen, privat, aber auch darüber, wie sich die Gesellschaft zum schlechteren zu verändern schien, damals brachte man die ersten Pläne zur Vorratsdatenspeicherung in Stellung, und es lag eine paranoide Stimmung in der Luft, die auf mich übergriff. Im Grunde lächerlich, wenn man bedenkt, was jetzt alles los ist.

Etwa zu der Zeit las ich "Die andere Seite" von Alfred Kubin und das traf mich mit der Faust. Er hatte auch auf eine Krise reagiert und, so stand es da, den Roman in nur zwölf Wochen runtergeschrubbt (so liest sich das dann allerdings auch). Naja, und ich glaube, da hat es bei mir Klick gemacht. Plötzlich war das Thema da, das Zentrum, um das alles kreiste. Angst. In allen Formen, und wie sie uns beherrscht.

PPM: Totality nimmt also Bezug auf die totale Überwachung…

Moritz von Wolzogen: Ja, aber nicht ausschließlich. Die Welt, in der meine Figuren leben, ist nicht totalitär, aber die Grundvoraussetzungen dafür sind vorhanden. Also wie in echt. Nein, bitte streichen! Im Grunde habe ich mehrere diffuse Angstmacher und das, was ich persönlich die mediale "Angstmaschine" nenne, noch hinein gepackt.
Wir lassen uns ja im Grunde ganz gerne in Angst und Schrecken versetzen, warum sonst lesen viele Menschen Horrorgeschichten oder Krimis?
Ich erinnerte mich, dass ich vor der totalen Sonnenfinsternis 1999 auch wahnsinnige Angst hatte. Ich dachte damals wirklich: was, wenn all die Irren recht haben und ES wirklich passiert, das muss man sich mal vorstellen. Und als sie dann stattfand, passierte selbstverständlich NICHTS, man stand halt da, hat sich das angeguckt und ging anschließend wieder an sein Tagwerk. An all das erinnerte ich mich in jenem Moment und wusste plötzlich, was Du jetzt hast, ist dieselbe lächerliche Angst, nur in neuer Verkleidung, es ist dieselbe alte Geschichte. Und so habe ich mir meine Ängste vom Hals geschafft, in dem ich sie gezeichnet habe, eine Seite pro Tag. Naja, zum Schluss hin brauchte es dann doch ein wenig länger.

PPM:  Wo du davon sprichst: wie wurde das Abenteuer "handwerklich" umgesetzt?  Sieht so aus, als hättest du den Band phasenweise im „Bleistiftstadium“ abgeschlossen.  :-)  

Moritz von Wolzogen: Woher weist du das? Ja, es gibt tatsächlich eine hastig mit Bleistift hingeknallte Ur- oder "Demo"-version, wie ich es nenne, in der noch viel anders ist. Die Dialoge sind zum Beispiel wesentlich schlechter und teilweise habe ich für die Endversion ganze Szenen ausgetauscht oder verändert.
Aber der Reihe nach: Es fing im Grunde mit ein paar einzelnen Szenen an, die unzusammenhängend im Raum standen. Als erst mal der generelle Handlungsfaden festgelegt war, habe ich mir für jedes Kapitel Tabellen gemacht: für jede Figur eine Spalte, wer was wann wie tut. Und daran habe ich dann entlang erzählt und die schon existierenden Szenen integriert, wenn möglich. Am schwierigsten war natürlich die Traumszene. In den ersten Beschreibungen liest sie sich völlig anders, weil es immer noch zu kohärent war, aber Träume sind so ja nicht. Außerdem gab es mehr Dialog.  

PPM: Du hast auch einen gewissen Mangastil mit eingebracht. Stehst du privat auf beide Comicstile, also klassischer Comic & Manga?

Moritz von Wolzogen: Für mich gibt es da keine Trennung. Ehrlich gesagt, ich liebe Comics, egal, woher sie kommen. Da kann es schon passieren, dass unbewusst Manga/Anime-einflüsse einsickern, aber ebenso amerikanisches, frankobelgisches, koreanisches vielleicht sogar, alte Buchillustratoren und natürlich die Welt um mich herum.

PPM: Gibt es weitere Comic-Pläne?

Moritz von Wolzogen: Mit diesen Figuren noch nichts konkretes, obwohl einiges an vagen Ideen da herumwabert. Momentan arbeite ich an einem Comic nach Franz Kafkas Reportage: "Die Aeroplane in Brescia", den ich für das Erlanger Comicseminar angefangen habe. Mal sehen, wohin das nun wieder führt...

PPM: Wo können dich die Fans in Deutschland ggf. auf Signieraktionen treffen?

Moritz von Wolzogen: Am 13. Februar werden Lukas Kummer (mit neuem Comic bei Zwerchfell: Die Verwerfung) und ich in Naamans ComiCosmos in Darmstadt und am 14. Februar ("Valentine´s day. Bummer.") im Terminal Entertainment in Frankfurt zu besichtigen sein. Dann werden wir vermutlich im März in Linz auf dem NextComic Festival, beim Comicsalon Erlangen und auf der Stuttgarter Comic Con sein.

PPM:  Woran arbeitest du neben deiner Comic-Tätigkeit?

Moritz von Wolzogen: Frei nach Nicolas Mahler: "Sie sind Comiczeichner? Und was machen Sie beruflich?"

PPM: Liest du noch Comics und wenn ja: welche sind deine Favoriten?

Moritz von Wolzogen: Im Moment bin ich von den "Alten Knackern" bei Splitter recht angetan. Außerdem will ich unbedingt "Opus" von Satoshi Kon lesen.

Was ich mir immer wieder (vielleicht sogar zuviel!) raushole und durchlese, sind die "Rork" - und "Cromwell Stone" - Gesamtausgaben von Andreas. Sie sind praktisch der Grund, warum ich Comics zeichne. Das und "Ralph Azham" von Lewis Trondheim, oder eigentlich alles
von Trondheim, "Approximate Continuum Comics" war auch so ein Erweckungserlebnis.

PPM:  Vielen Dank für das Interview.

Moritz von Wolzogen: Ich habe zu danken.

Künstlerhomepage

Leseprobe bei PPM

Zwerchfell bei PPM

von Michael Hüster
Stichwörter: Zwerchfell

Artikel

Totality

Totality

Top 5 des Monats

weitere News