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14.04.2016

Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten

avant präsentiert: Rodolphe Töpffer

Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten - avant präsentiert: Rodolphe Töpffer

Als Wolfgang Goethe 1830 eine komische Bildergeschichte des Zeichners zu Gesicht bekommt, ruft er begeistert aus: „Töpffer ist ein Original durch und durch. (...) Es ist wirklich toll! Es funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich!“

Ermuntert durch das Lob des berühmten Dichters veröffentlicht Töpffer seine Alben – mit großem Erfolg. Mit seinen satirisch-komischen Bildromanen in rhythmisch gegliederter Folge, mit bis zu 200 Einzelbildern, knappen Prosa-Untertexten und karikierendem Strich entwickelt er eine neue Kunstgattung und gilt daher als Wegbereiter in dessen Tradition auch Wilhelm Busch wirkt.

Zum 170. Todesjahr von Töpffer hat sich der Illustrator Simon Schwartz gemeinsam mit dem Berliner Avant-Verlag seinem Werk angenommen, drei Geschichten aufbereitet und als Buch neu verlegt:

  • „Les Amours de Monsieur Vieux Bois“, 1839
  • „Monsieur Pencil“, 1840
  • „Histoire de Monsieur Cryptogame“, 1845


Die Suche nach den Ursprüngen des Comics ist mühsam, strittig und kompliziert. Finden wir sie schon in den ersten Höhlenmalereien? Auf der Trajanssäule in Rom? Auf dem Teppich von Bayeux? Im Codex Florentinus oder gar in den Skizzenbüchern von Hokusai? Den Prototypen des modernen Comics sah die Comicforschung lange in den Bildergeschichten um die Figur des Yellow Kid des Amerikaners Richard Felton Outcault, die erstmals ab 1894 in amerikanischen Zeitungen erschienen.

Tatsächlich sind die modernenUrsprünge des Comics jedoch nicht in den USA, sondern im beschaulichen Genf zu finden. Um genau zu sein im Jahr 1827 im Arbeitszimmer eines jungen Schulmeisters an der Promenade Saint-Antoine. Sein Name: Rodolphe Töpffer. Hier zeichnete er in fast zwanzig Jahren acht  lange Comicerzählungen und diverse Fragmente. Nebenher schuf er ein OEuvre aus unzähligen Skizzenbüchern, einigen Gemälden, mehreren Novellen und Reiseberichten, wissenschaftlichen Abhandlungen, Kunstkritiken, politischen Pamphleten und sechs Theaterstücken. Lange haben diese anderen Werke Töpffers Comics überstrahlt und in Vergessenheit geraten lassen. Vielleicht, weil er seine Comics selbst oft scherzhaft als „une ânerie audacieuse“, „eine kühne Eselei“, abtat.

Die wohl bekannteste Geschichte, die auch diesen Band eröffnet, ist Töpffers „Les Amours de Monsieur Vieux Bois“ (erste Buchausgabe 1837). Die wilde Jagd des heiratswütigen Gecken Monsieur Vieux Bois ist ein atemloser Ritt durch absurde Situationen und Szenerien. Die rundliche Frau seines Herzens ist für ihn stets nur als das geliebte Ding Mittel zum Zweck. Dafür kämpft er erbittert mit einem Nebenbuhler, prügelt sich mit Mönchen und begeht mehrere erfolglose Suizidversuche. Bewusst nimmt Töpffer hier die ihm zutiefst suspekte Literatur der Romantik aufs Korn, am Ende jedoch lässt er seinen Helden sein Ziel erreichen und in den ruhigen Hafen der Ehe einlaufen. Alles wird gut und das heile Weltbild des Biedermeier wird bestätigt.

„Les Amours de Monsieur Vieux Bois“ entwickelte sich zum Kassenschlager und so brachte Töpffer noch 1839 eine eigene komplett neu gezeichnete Version auf den Markt, die seine
erste (…) ersetzen sollte. Diese zweite Version Töpffers von 1839 liegt dieser Buchausgabe zugrunde.

Simon Schwartz: „Die Brillanz und Eleganz seiner Zeichnungen sowie die aberwitzigen Einfälle zeigen: (…) Hier war ein Meister am Werk! Ich war sofort begeistert von der unglaublichen Fabulierfreude, Albernheit, Energie und Modernität. Alles an seinen Zeichnungen ist frisch und wie „im Moment“. Kein Staub von fast 200 Jahren! Selbst seine Handschrift wirkt wie eine logische Konsequenz aus seinem Zeichenstrich.

Doch was hat uns das Werk Roldolphe Töpffers heute, fast zweihundert Jahre nach seiner Entstehung, noch zu sagen? Ist es nur eine — wenn auch bedeutende — Fußnote in der Geschichte des modernen Comic? Ist es ein veraltetes Werk, gefangen in der Epoche seiner Entstehung?

Ich denke nicht! Für mich sprechen diese Geschichten noch immer zu uns. Schließlich ist Töpffers Spiel mit verschiedenen Handlungssträngen und Figuren mehr als kunstvoll. Zwar mag der Humor aus heutiger Sicht manchmal etwas altbacken und behäbig erscheinen, doch durch Töpffers zarte, luzide und lebendige Linienführung sind seine Comics von einer atemberaubenden Leichtigkeit und Spontanität. Töpffers Strich ist unmittelbar und es wirkt fast so, als würde er einem in amüsiertem Plauderton seine âneries audacieuses ganz privat und höchstselbst erzählen.

Mit großer Empathie erzählt er von seinen Figuren. So lächerlich diese auch oft sind und so sehr sie den Bogen immer wieder überspannen, so betrachtet Töpffer sie doch zumeist mit einem liebevollen und wohlwollenden Blick. Es  sind Geschichten voll eitler Angeber, Lackaffen, Hochstapler, Tunichtgute, liebestoller Gecken, überambitionierter Ehrgeizlinge, Schaumschläger und Narren. Und wir, seine Leser, lachen über diese Figuren, bemitleiden sie manchmal und fiebern mit ihnen mit — denn es sind immer wir selbst.“

Wer über das Buch hinaus an Comicgeschichte und Töpffers Werk interessiert ist, der hat noch bis zum 28.08.2016 die Gelegenheit, die Ausstellung „Literatur in Bildern – Die Bild-Geschichten des Rodolphe Töpffer“ zu besuchen, die im Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl zu sehen ist.

Rodolphe Töpffer: Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten
Text & Zeichnungen: Rodolphe Töpffer
Avant-Verlag

Der Abdruck von Auszügen aus dem einleitenden Vorwort von Simon Schwartz erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Avant Verlags.

von Michael Hüster
Stichwörter: avant-verlag

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