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23.08.2016

Splitter

Zorngebete

Splitter - Zorngebete

Jbara ist eine junge Frau, die irgendwo in einer Ecke in Nordafrika unter althergebrachten Regeln aufwächst.

In ärmlichen Verhältnissen führt sie mit Geschwistern und Eltern ein wohl typisches Leben als Frau in einem „Rattenloch“. Die Männer sind arbeitsscheu und fordernd. So manch einer bedient sich ihrer wie einer Prostituierten. Sie ist unzufrieden und träumt von einem besseren Leben! Ihre Zwiegespräche mit Allah sind ambivalent. Doch eines Tages fällt ihr ein Koffer aus einem vorbeifahrenden Reisebus vor die Füße.

Mit diesem Fund besitzt sie erstmals Geld und sie reist in die Stadt. Dort verdingt sie sich als Hure und Dienstmädchen. Im Grunde erlebt sie in der „Zivilisation“ kaum anderes, als zu Hause im Wüstensand, mit Ausnahme einer relativen Freiheit ihrer eigenen Entscheidungen. Sie heiratet und nun ist ihr ärgster Feind die Schwiegermutter. Doch sie reift mit und dank all dieser Erfahrungen heran und findet sogar Allah gegenüber eine für sie stimmige Einstellung!

Wie diese Teil-Biographie hier erzählt wird, nach einem Roman von Saphia Azzedine, ist ohne Zweifel sehr unterhaltsam! Denn trotz der vielen leidvollen Erfahrungen von Jbara erhält sie sich durchgehend ihre ironischen Bemerkungen und philosophischen Humor zum Geschehen in ihrem Leben. Ja, es gibt einige wirklich sehr witzige Begebenheiten und Pointen. Ihre Kommentare in gedanklichen Selbstgesprächen sind tiefgründig, sarkastisch, rebellisch und oft auch mit ehrlichen Fragen an Allah gerichtet. Der krasse Gegensatz zwischen dörflichem, einfachem, hartem Dasein und zivilisatorischer Dekadenz wird hier mit ansehnlichen Zeichnungen dokumentiert. Mit leichtem Strich, aber detailgenau und warmen Farben skizziert die Künstlerin Szenen vom Land, vom städtischen Nachtleben und vom unmoralischem Reichtum. Dabei spart sie auch ein paar eindeutige erotische Szenen nicht aus. Findet aber immer im Einklang mit der nächsten Bildfolge einen Übergang zu Melancholie, Erkenntnis oder Humor. Wichtig scheint dem Texter Eddy Simon aber auch im Sinne der Romanautorin die Emanzipation dieser Frau, Jbara, zu sein, die sich vor allem vom patriarchal bestimmten Gotteswille und Dogma ein eigenes, freies Verständnis für Glauben erarbeitet. Und das geht über Nachdenken und eigene Erfahrungen, die selbst zu machen sind! Das Schöne dabei ist: Im Grunde bleibt die Leichtigkeit und der Friede mit Allah am Ende erhalten. Die Protagonistin ist mit ihrem Leben einverstanden und zufrieden. Denn das eigene Leben ist der eigentliche Dschihad, und nicht der gegen andere. Das in diesem Comic zu lesen, ist sehr empfehlenswert!

Zorngebete
Marie Avril & Eddy Simon
86 Seiten
Splitter
18,80 Euro

von Rolf Pressburger
Stichwörter: Splitter

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