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09.05.2017

Verlag Walde + Graf präsentiert Comic-History

Feiningers Comic-Strips für Amerika: „The Kinder Kids“ & „Wee Willie Winkie’s World“

Verlag Walde + Graf präsentiert Comic-History - Feiningers Comic-Strips für Amerika: „The Kinder Kids“ & „Wee Willie Winkie’s World“

Mit seinen Bildern ist Lyonel Charles Adrian Feininger (1871 - 1956) einer der berühmtesten und beliebtesten Künstler der Klassischen Moderne geworden. Seine bevorzugten Motive waren vor allem thüringische Dörfer und Kirchen, Meereslandschaften und Orte an der Ostsee und im Spätwerk Ansichten von New York.

In der bunten Welt der Comics trat er nur durch ein relativ kurzes Wirken als Comic-Autor in Erscheinung. Von Ende April 1906 bis Anfang 1907 schuf er für eine Beilage der US-Tageszeitung „Chicago Tribune“ („Comic-Supplement“) die beiden Serien „The Kinder Kids“ und „Wee Willie Winkie’s World“. Dennoch stellten seine beiden Arbeiten einen frühen Comic-Höhepunkt dar und so sicherte er sich einen Platz in den Comic-Geschichtsbüchern.

Für den Start ihrer Comicbeilage und speziell der Serie „The Kinder Kids“ betrieb die Redaktion der Chicago Tribune einen großen Werbeaufwand. Die Serie und dessen Autor Lyonel Feininger wurden in einer vierseitigen Ankündigung am 29.4.06 ausführlich vorgestellt. Über Feininger selbst schrieb die Zeitung überschwänglich: „Er ist der populärste Humorzeichner in Deutschlands Hauptstadt, und seine Zeichnungen finden weltweite Verbreitung. (…) Es gibt auf der Welt keinen besseren Zeichner als Mr. Feininger“. Feininger selbst zeichnete für die Ankündigung u.a. ein ganzseitiges Titelblatt, auf dem er die Helden seiner Geschichte als Marionettenspieler dirigiert.
 
„The Kinder Kids“ erzählt die Geschichte von drei pfiffigen, abenteuerlustigen und mutigen Jungs, die, wie Feininger selbst, dem deutsch-amerikanischen Einwanderermilieu entstammen. Die drei sind Geschwister mit den Vornamen Daniel Webster, Teddy und Breitmaul – Nachname: „Kinder“. Im Hafen der amerikanischen Metropole New York starten sie unter großer Anteilnahme der Bevölkerung mit ihrer grünen Badewanne zu einer Reise, die die Kids über den Atlantik bis nach Europa führt. Als Antrieb für die Wanne hatte sich Feininger eine aufziehbare Figur namens Japansky ausgedacht. Richtig mit dem Schlüssel in seiner Seite aufgezogen, leistet dieser Wundermechanismus erstaunliches. Er paddelt, zieht, schiebt, tritt und läuft so lange, bis die Feder abgelaufen ist.

Die Reise der Kinder Kids und ihres schlauen Dackels Sherlock Bones entwickelt sich zu einer spannenden aber auch endlosen Verfolgungsjagd mit der strengen und resoluten Tante Jim Jam. Begleitet von Cousin Gussie begibt sich Tante Jim Jam in einem Ballon auf eine Suchexpedition, um die ihrer Meinung nach irregeleiteten Kids aufzuspüren. Später gesellt sich noch ein gewisser Mr. Buggins hinzu. Die Tante ist zudem von der fixen Idee beseelt, den Jungs Rizinusöl verabreichen zu müssen, um diese wieder aufzupäppeln. Doch davon halten die Kids gar nichts und setzen daher alles daran, der Tante zu entkommen.

Wenn man sich Feiningers Kinder Kids anschaut und berücksichtigt, zu welcher Zeit dieser Comic entstanden ist, so kommt man zu dem Ergebnis, dass die Chicago Tribune mit ihrer Ankündigung nicht übertrieben hatte. Feininger lieferte grandios komponierte Comicseiten ab.
Die ganzseitige Illustration vom 6.5.06, auf der die Kids im Hafen von New York zu ihrer Reise aufbrechen, ist dafür ein besonderes Beispiel. Das Bild ist beinahe überfrachtet mit Details: vor der Skyline der Stadt zur Linken und der Freiheitsstatue zur Rechten gibt es noch einen Raddampfer, ein Dampfschiff, mehrere Barkassen, Ruderboote und weitere liebevolle Details zu entdecken. Im Vordergrund des Bildes dürfen natürlich auch die Kids in ihrer Badewanne nicht fehlen.

Vielleicht war Feininger seiner Zeit etwas voraus. Seine abwechslungsreichen Seitenaufteilungen und Verziehrungen sind schon kleine Meisterwerke und zeigen seinen Hang zum Perfektionismus. Im Gegensatz zu vielen anderen Zeichnern seiner Zeit setzte Feininger bei „The Kinder Kids“ auf das Konzept der Fortsetzungsgeschichte und verwendete in seinen Panels Sprechblasen. Waren Feiningers Ideen und Figuren auch hier und da etwas skurril, so kann man ihm eine erstaunliche Fantasie nicht absprechen, aus denen sich originelle Story-Sequenzen entwickelten. Die Idee zu einer Ozeanüberquerung nach Europa dürfte in Feiningers eigenen Erlebnissen begründet sein, folgte er seinen Eltern genau auf diesem Wege mit dem Dampfer nach Europa.  
 
Die zweite Serie von Feininger, „Wee Willie Winkie’s World“ (Start 19.08.06), war im Gegensatz zu „The Kinder Kids“ nicht als fortlaufende Handlung angelegt und wurde durch die männliche Figur Willie Winkie bestimmt. Diese bewegt sich durch eine beinahe märchenhafte Szenerie und lässt durch seine Fantasie beispielsweise Bäume, Häuser, Schiffe, Klippen, Lokomotiven, Windmühlen, Wolken und vieles mehr „lebendig“ werden. Diese Fantasien umfassen verschiedene Gefühlswelten von Willie, die interessierter, freudiger aber auch nicht selten ängstlicher Natur sind.
Auf den jeweils einseitigen Comic-Seiten werden ein oder zwei kurze Geschichten als Comic, Strip, ganzseitige Collage oder in einem Einzelbild erzählt bzw. dargestellt. Im Gegensatz zu „The Kinder Kids“ verwendete Feininger bei „Wee Willie Winkie’s World“ keine Sprechblasen, sondern erklärende Textkästen am unteren Bildrand. Einige der Texte werden dem Leser aus der Sicht eines Erzählers vermittelt.

von Michael Hüster
Stichwörter: Walde + Graf, Feininger

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