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20.09.2017

Der Stade-Krimi: Kommissar Fröhlich

Das Hagenow-Interview

Der Stade-Krimi: Kommissar Fröhlich - Das Hagenow-Interview

Kommissar Fröhlich-Autor Stephan Hagenow (geboren: 30.12.1963 in Hamburg) entdeckte bereits als Kind den Drang zur Unterhaltung. Das Leben wurde somit von zahlreichen TV-Serien aus den 50.-70. Jahren beherrscht (Western, Abenteuer+ Krimi) und der damals noch preiswerten Kiosk-Comicware.

Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Magazinen aller Art folgten erste Kontakte zu Film+TV. Seit einigen Jahrzehnten arbeitet Stephan auch nebenbei für Spiel+Werbefilme als Storyboard-Illustrator in enger Zusammenarbeit mit Regisseuren, die von einem Millionenpublikum konsumiert werden. Zu seinen bekanntesten und erfolgreichsten Filmen zählen die Arbeiten für Expert, Nintendo und seit Jahren für Müller-Milchreis, mit „dem kleinen Kobold“ und Konny Reimann. Aber auch für die Tatort-Reihe war er schon tätig.
2009 startete der Autor mit seiner wohl für ihn wichtigsten Arbeit für Erwachsene, der Comic-Krimi-Dramaserie Kommissar Fröhlich.

Kommissar Fröhlich duldet keinen Müßiggang, das Verbrechen schläft schließlich nicht. Der neue zehnte Fröhlich-Fall ist ganz besonders schauerlich: Zwei Kinder wurden bestialisch umgebracht. Tatsächlich basiert der Fall auf einem wahren Verbrechen, das vor einigen Jahren Stade erschütterte. Eine Frau hatte Stimmen gehört und ihre Kinder ermordet. KOMMISSAR FRÖHLICH geht damit einen weiteren Schritt in Richtung konsequentem Lokalkrimi, da die Reihe nun kollektive Traumata der Region aufgreift und verarbeitet. Ganz nah am realen Fall bleibt der fiktive dann aber nicht. Ob hier auch die Mutter die Mörderin ist,  soll hier nicht verraten werden.

In einer Nebenhandlung, die jedoch das emotionale Herzstück der Geschichte ist, lernt Fröhlich seine erwachsene uneheliche Tochter Magda kennen. Anders als in der Beziehung vom Kommissar zu seinem Sohn Max, die geprägt ist von gegenseitigem Misstrauen und bösem Blut, entsteht zwischen Vater und Tochter langsam so etwas wie vorsichtige Zuneigung. Magda funktioniert damit als emotionales Gegengewicht zu der ganzen Düsternis, die sonst im Fröhlichs Stade vorherrscht. Sie komplettiert das Figurenensemble. Der Schuss persönliches Drama tut der Serie gut und sorgt dafür, dass der Charakter des zynischen Kommissars weitere Facetten bekommt. Nicht, dass man vorher etwas vermisst hätte – aber auf Magda will man nach den ersten Panels nicht mehr verzichten.

PPM: Du zeichnest deinen Kommissar Fröhlich nun schon seit 2009. Wie entstand die Idee zur Krimi-Serie?

Hagenow: Durch das 1968 entstandene französische Krimidrama "Der Bulle" von George Lautner. Jean Gabins abgeklärte Darstellung eines frustrierten Kommissars (kurz vor der Rente) entsprach genau meinen Vorstellungen.

PPM: Woher stammt deine Krimibegeisterung? Bist du am Krimigenre besonders interessiert?

Hagenow: Die meistens Jungs haben sich damals für Sport interessiert. Bei mir war es immer Mord. Das fing an mit "Der Kommissar", "Derrick" und "Haferkamp". Für Jürgen Rolands "Stahlnetz" war ich noch zu jung. Ich muss damals so 11 oder 12 gewesen sein. Dann kamen die ganzen britischen und amerikanischen Serien wie " Mannix, Kojak, Columbo, die Profis“. Die Liste ist endlos und ich hab nichts davon verpasst. Damals war TV eben noch pure interessante Erlebniswelt. Alles war neu... The swinging 70ties.

PPM: Nach einer vorübergehenden verlegerischen Heimat bei Epsilon bist du nun wieder zurück zu Gringo-Comics, deiner früheren Verlagsheimat. Gab es bei Epsilon keine Perspektive mehr?

Hagenow: Man weiß leider nie im Voraus wohin die Reise geht. Ich war damals sehr schwer erkrankt (aufgrund vieler privater Schicksalsschläge). Danach war ich an einigen Kioskversuch-Projekten beteiligt. Mit Fröhlich hatte ich dann zusätzlich eine Experimentierphase eingeleitet. Epsilon hatte mir die Möglichkeit gegeben, Dinge frei auszuprobieren und zu variieren. Epsilon hat also somit einen recht wichtigen Beitrag zur jetzigen Fröhlich-Form bei Gringo-Comics geleistet.

PPM: Seit wann bist du als zeichnender und schreibender Comic-Künstler tätig? Was hast du vor Fröhlich so comicmäßig gemacht?

Hagenow: Seit 1986. Mich hatte immer das Inszenieren interessiert. Dinge spannungsdramaturgisch umzusetzen. Mein damaliger Berufswunsch war darum eigentlich Regisseur. Eine Auflistung meiner vorherigen Arbeiten würde hier sicher den Interview-Rahmen sprengen. Zudem waren diese Werke, wirtschaftlich betrachtet, nicht gerade Massenkompatibel, da es sich eher um Subkultur-Genre-Comics handelte.

PPM: Hast du mit Fröhlich seit 2009 nun deine definitive Serie entwickelt oder könntest du dir noch andere Projekte vorstellen?
 
Hagenow: Wenn man die 50 überschritten hat, erkennt man was das kostbarste im Leben ist: Zeit. Mit „Kommissar Fröhlich 9 - Wenn Kowalski kommt“ hab ich jetzt nach 30 Jahren Irrfahrt aber zu der Form gefunden, die am besten zu meiner Persönlichkeit passt. Bei „Kommissar Fröhlich 10 - Heilige Stimmen“ hab ich das Ganze dann nochmal deutlich optimiert. Die relativ guten Startverkaufszahlen wirken da fast wie eine Bestätigung. Weitere Projekte wird es höchstens noch als gutbezahlte Auftragsarbeit geben, ansonsten widme ich mich zu 80% hauptsächlich Kommissar Fröhlich.

PPM: Mit dem aktuellen Fröhlich-Band hast du dich, wie du es beschreibst, sozusagen neu erfunden (Story und auch Zeichenstil). Erzähl mal, wie es dazu kam …
 
Hagenow: Ich habe immer gespürt, dass Fröhlich der richtige Charakter für mich ist. Damit die Sache aber funktioniert, muss sie zu 100% stimmen. Viele Veränderungen waren erforderlich, um der Serie die nötige Kraft zu verleihen. Buchformat, wertigeres Papier, doppelte Seitenzahl, konventioneller Zeichenstil, filmisches Seitenlayout, realitätsbezogene Storys und flächige Farben waren nur sieben Schwerpunkte. Auch an den Figuren (besonders Tumba) musste visuell noch arg gefeilt werden. Auch sollte durch die doppelte Seitenzahl jetzt unbedingt der ernsthafte Autor im Vordergrund stehen. „Kommissar Fröhlich 9 - Wenn Kowalski kommt“ leitet all dies ein.

PPM: Mir gefallen das neue Format und der modifizierte Zeichenstil gut. Ist natürlich eine Frage des Geschmacks …

Hagenow: Der Zeichenstil ist letztendlich immer eine Geschmackssache. Wer Malstile liebt, wird mit Fröhlich sicher weniger anfangen können. Als Grundgerüst für meine Erzählungen hab ich aber jetzt endlich den (noch ausbaufähigen) passenden energieschonenden Stil gefunden. Mein Jahresoutput beträgt jetzt knapp 500 Seiten. Somit sind zumindest 3-4 Bände pro Jahr gewährleistet + etwas Vorlauf. Also eine kontinuierliche Erscheinungsweise, was ja eher ein Novum unter deutschen Künstlern darstellt. Eine sporadische Erscheinungsweise war mir seit jeher verhasst. Das ist für mich weder Fisch noch Fleisch, besonders in einer so schnelllebigen Zeit wie der heutigen.

Für mich standen übrigens als Inspiration folgende Künstler Pate: Alex Toth, Hugo Pratt (Spätphase), Frank Miller, Jaques Tardi, Jose Munoz, Ruben Pellejero und Gene Colan.
Also die eher schwarzlastigen Stile.

PPM: Was hat dich dazu bewogen, auf eine kompaktere Buchgröße mit über 100 Seiten umzusteigen?

Hagenow: Ein deutlich längerer Lesegenuss war sicher der triftigste Grund für die Umstellung. Ich wollte vor allem erstmals meine autorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Sowas war bei den bisherigen knapp 50 Seiten Büchern nur Ansatzweise möglich. Zumindest 90 Minuten Lesespaß sollten also zukünftig pro Buch garantiert sein, was automatisch zu einer stärkeren Vertrautheit führt. Ich suche somit jetzt eher den Kontakt zum Roman und zur Graphic-Novel. Auch um den Artikel einem möglichen Nichtcomic-Publikum zugänglich zu machen. Kommissar Fröhlich erhebt somit jetzt einen deutlich höheren Anspruch als bisher und es kommt zudem mehr Ruhe in den Erzählfluss. Ein Aspekt, den ich als sehr wichtig bei einer Serie für Erwachsene erachte.

PPM: Außerdem hast du mit Magda Zanowski, Fröhlichs uneheliche Tochter, eine wichtige neue Figur eingeführt…

Hagenow: Magda Zanowski ist vermutlich die kraftvollste Figur, die ich je geschaffen habe. Für mich ist sie inzwischen die heimliche Hauptfigur der psychologischen Krimi-Drama-Reihe. Sie bringt mit ihrer femininen Art Gefühl und Tragik in die Reihe und somit eine gewisse Wertigkeit. Magda treibt zudem die Cliffhanger-Parallelhandlung konsequent in dramatischer Form voran und verhilft Fröhlich zu mehr Menschlichkeit. Damit wird automatisch der Zynismus etwas entschärft und die erzählerischen Möglichkeiten erweitert, was der Serie ausgesprochen guttut. Meine kreative Mutter hatte da die weise Idee (sie ist ebenfalls großer Krimi-Fan). Auch beim weiblichen Publikum ist Magda inzwischen recht beliebt.

PPM: Welche sind, neben Fröhlich und Magda, weitere wichtige Protagonisten in deinem Krimidrama-Graphic-Novel-Roman?
 
Hagenow: Fröhlich wäre natürlich nichts ohne die täglichen Quäl- und Plagegeister wie z.B. sein autonomer Sohn Max. Der Vater/Sohn-Konflikt zählt zu den Highlights der Serie. Dann ist da noch das Polizistenteam Birgit Stolz + Peter Tumba. Die beiden müssen mehr als nur einmal den Kopf für Fröhlichs teilweise Fehlentscheidungen herhalten. Prellungen, Schussverletzungen und Knochenbrüche sind die nicht seltenen bizarren Folgen.
Außerdem dabei: der nekrophile Pathologe Karl Wuttke, der sich hart am Rande der Karikatur bewegt. Die Nachbarn Frau Kludzuweit + Herr Wegert, die keinen Klischeewunsch offen lassen...sowie die Hausärztin Frau Doktor Hundgeburth sowie der hauseigene Maulwurf.

PPM: Zeichnest du noch klassisch auf Papier?

Hagenow: Ja, auf Papier. Ich lege die Seiten jetzt auch wieder in A 4 an, lasse mir aber trotzdem genügend Spielraum für ein verspieltes und filmisches Seitenlayout. Die Weiterverarbeitung erfolgt dann am Computer.

PPM: Kann man deine bisherigen Fröhlich – Bände noch im Handel bekommen?

Hagenow: Zumindest die Gringo-Publikationen sind über diverse Buchhandel-Onlinedienste noch erhältlich.

PPM: Die Hamburger Mopo hat dir/Fröhlich einen 2-seitigen Bericht in der Kulturrubrik gewidmet. Artikel: Mordsgute Comics aus der Elbmarsch. Tolle Werbung für dich + Fröhlich. Wie kam der Kontakt zustande?

Hagenow: Eigeninitiative. Im Leben gibt einem niemand eine Chance, also muss man sich selber eine geben. Das weiß nach über 500 gefühlten Absagen und Demütigungen der letzten Jahrzehnte wohl niemand besser als ich. Mein Mut wurde aber belohnt. Der recht anspruchsvolle Redakteur mochte Fröhlichs Intellekt und den dramatischen Bezug zur Realität sowie die zeitgemäßen psychologischen galligen Wortduelle.

PPM: Wo können dich die Fans in Deutschland ggf. auf Signieraktionen treffen?

Hagenow: Möglicherweise zum Ende des Jahres auf den "Stuttgarter Bücherwochen". Ansonsten wohl mal wieder in Erlangen 2018. Auch erstmals den vollen Sonntag mit dann wohl fünf neuen Fröhlichs. Ich glaube, wir brauchen dann evtl. größere Tische (lacht). Die seriöse Frankfurter Buchmesse würde mich ebenfalls reizen.

PPM: Woran arbeitetest du neben deiner Comic-Tätigkeit? Hast du den Müller-Milchreis Kobold selbst entwickelt?

Hagenow: Der Kobold war schon entwickelt. Ich stelle nur die Boards (mit viel Seele) her, mit Schwerpunkt auf Mimik und Gags, seit mittlerweile gut 5 Jahren. Die Spots sind frech, liebenswert und sehr erfolgreich.

PPM: Liest du noch Comics und wenn ja: welche sind deine Favoriten?

Hagenow: Eindeutig Tardi. Ansonsten Jeff Lemire, Manuel Fior und ähnlich gelagerte Inhalte für Erwachsene.

PPM: Vielen Dank für das Interview.

Hagenow: Nicht dafür. Die Welt soll "Fröhlich" bleiben.

www.kommissarfröhlich.de

Leseprobe bei PPM

von Michael Hüster

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