News - Rezensionen

05.11.2010

Hauptmann Veit

Unterhaltsame Geschichtsstunde

Hauptmann Veit - Unterhaltsame Geschichtsstunde

Ein historischer Abenteuercomic aus Deutschland, damit durfte man nicht gerade rechnen. Bei „Hauptmann Veit“ handelt es sich um ein sehr ambitioniertes Projekt, das Anspruch und Unterhaltung verbindet und so das Mittelalter im Comic „erlebbar“ macht

Erlebbare Geschichte! Unter diesem Motto steht ein völlig neuer und überraschend erschienener Historiencomic aus der Feder von Nofi. Überraschend insofern, als dass weder der Zeichner Nofi bislang mit Veröffentlichungen von sich reden machte, noch man damit rechnen konnte, dass plötzlich ein waschechter Mittelalter-Comic in Comicform vorgelegt wird. Doch plötzlich liegt es vor einem: „Hauptmann Veit“ lautet der Name des sauber produzierten Hardcover-Albums, ein auf mehrere Bände ausgelegtes episches Abenteuer aus der Reformationszeit. Zudem beinhaltet die Collectors Edition auch einen ausführlichen redaktionellen Teil, in dem auf die historischen Hintergründe eingegangen wird und auch ein Interview mit dem Zeichner selbst geführt wurde.

Dort ist auch viel über die Intention des Zeichners zu lesen, der sich über eine Urlaubslektüre mit dem Deutschen Bauernkrieg zu beschäftigen begann und feststellen musste, dass dort ein wahres Füllhorn an historischen Begebenheiten nur darauf wartet, endlich erzählt zu werden. Die Vielzahl an historischen Figuren und Geschichten begeisterte den Zeichner, der daraus einen Comic machen wollte. Doch dann kam immer etwas dazwischen, und so hat es volle 35 Jahre gedauert, bis nun endlich der Comic auch fertig vorliegt. Doch wie Nofi beteuert: „Der Recherche hat das aber nur gut getan“.

„Hauptmann Veit“ erzählt die Geschichte von zwei ungleichen Rittern, die gemeinsam aufgewachsen sind. Die Saga spielt im Jahr 1522 vor dem Hintergrund des Konfliktes zwischen dem deutschen Kaiser Karl V. und dem französischen Kaiser Franz I. Die badische Festung Mannstein wird von den französischen Truppen belagert und in der Festung halten der Fürst und die Hauptleute Veit und Raven wacker mit ihren Gefolgsleuten stand. Doch die Franzosen haben noch eine neue Waffe bereit, eine 30-Pfünder-Kanone und so kommt es zu einer erbarmungslosen Schlacht um die Festung, die in eindrucksvollen, detaillierten Schlachtgemälden wiedergegeben wird. Panzerreiter mit Lanzen, Schwertritter, Zugbrückenverteidigung und martialische Kämpfe bestimmen den ersten Teil des Albums.

Doch als Raven Veit das Leben gerettet hat, ändert sich auch das Verhältnis der beiden Hauptleute und der verbitterte und herrschsüchtige Raven lässt sich von seinen Rache- und Mordgelüsten leiten und erschießt in Punisher-Manier einen Parlamentär. Doch damit nicht genug, denn Raven schafft sich auch den Fürsten vom Hals und es gelingt ihm Veit als Täter dastehen zu lassen, der nun untertauchen muss, gejagt wird und auf die Wilderer Tora und Lennart trifft. Er sinnt auf Rache und so kommt es zum Duell zwischen ihm und Raven ...

Nofi erzählt seine Geschichte jedoch im akribisch recherchierten historischen Ambiente. Die Burgen, die Rüstungen, die Waffen, alles strahlt eine historische Genauigkeit aus, die sehr überzeugend daherkommt. Das dunkle Mittelalter wirkt auf jeder Seite bedrohlich, nur in den Wäldern ist es friedlich. Nofi nutzt auch Hintergründe aus dem Computer etwa bei den Burgmauern oder den Zinnen, um den Hintergründen noch mehr Echtheit zu verleihen. Stilistisch lassen sich eine Unmenge von Einflüssen erkennen, Hermann etwa, Hal Foster, oder auch Hansrudi Wäscher, doch am markantesten ist sicherlich der Einfluss von Frank Frazetta, wobei sogar das Bild von „Death Dealer“ als Hommage genutzt wird. Doch letztlich geht es Nofi nur darum, einen realistischen Stil zu etablieren, der noch mehr Authentizität verleiht.

Nofi, das ist Lutz Nosofsky, Jahrgang 1951, der CD-Illustrationen und Cartoon-Veröffentlichungen vorweisen kann und der mit „Hauptmann Veit“ ein beachtliches Debüt abgibt. Die Story orientiert sich an Klassikern wie „Prinz Eisenherz“ oder „Die Türme von Bos-Maury“, aber durch die Einbettung deutscher Vergangenheit und eines sehr interessanten Sujets aus der Reformationszeit, lässt sich der Band auch unabhängig von den Vorbildern sehen. An manchen Stellen scheint der Zeichner noch grafisch auf der Suche zu sein, aber insgesamt wirkt der Band überzeugend. Vor allem die Erläuterungen und die historische Einbettung sind ein wichtiges Merkmal von „Hauptmann Veit“. So erfährt der Leser viel über die Zeit in der das Album spielt. So gibt es Artikel über Landsknechte, Entwicklung der Waffentechnik und sogar über reale Personen, die Vorbild für de Erzählungen waren, etwa Franz von Sickingen (1481-1523).

Der erste Band „Blut Bruder“ stellt für den Zeichner auch das Grundgerüst dar, erst in den nächsten Bänden wird sich der Konflikt noch weiter entfalten und die Bauernkriege werden in den Vordergrund treten. Angelegt ist die Saga auf 10-12 Bände. Das ist ein mutiges Vorhaben, aber es ist auch angesichts der ambitionierten  Erzählstrategie notwendig. Ein klassischer, historischer Abenteuer-Comic aus deutscher Hand, ist schon erfreulich genug, aber dass Nofi auch deutsche Geschichte als Hintergrund nimmt, ist  enorm spannend und verdient Respekt. Das bei ars tempus ltd. vorgelegte erste Album aus der Reihe „Hauptmann Veit“ ist ein viel versprechender Anfang und Band 2 ist schon für den Frühsommer 2011 angekündigt. Der auf den Waschzetteln beschriebene Anspruch „erlebbare Geschichte“ wird mit diesem Comic tatsächlich wörtlich genommen und es wird bewiesen, dass Comics mit Botschaft auch durchaus sehr unterhaltsam sein können. Zudem hält der Band auch die Botschaft bereit, dass in der deutschen Vergangenheit noch Unmengen an Geschichten warten, die gerade auch in Comicform erzählt werden können.

NOFI
Hauptmann Veit 1
Blut Bruder
Collectors Collection
66 Seiten, vierfarbig
ars tempus ltd.
ISBN: 978-3-00-032435-2

Preis: 19,80 Euro

 

von GG
Stichwörter: ars-tempus ltd.

Top 5 des Monats

weitere News