Auf den 128 Seiten des Kalenders für das Jahr 1947 (im Albenformat) tummelten sich die Comicfiguren einer neuen Zeichnergeneration (Paape, Franquin, Morris). Es war die Premiere für die erste veröffentlichte Lucky-Luke Geschichte mit dem Titel „Arizona 1880“. Auf Seite 3, im letzten Bild, hat der neue Held seinen ersten Auftritt. Aus heutiger Sicht wirkt er wie eine Karikatur seiner selbst. Er trägt noch keine schwarze Weste und das gelbe Hemd ist kariert. Dafür trägt er bereits den weißen Stetson und um seinen Hals ein rotes Halstuch. Auch Jolly Jumper ist schon mit von der Partie. Es fällt auf, dass die Figuren sehr rund gezeichnet sind, ein typisches Merkmal der damaligen Trickfilme. Morris erklärte dazu, dass seine Leidenschaft für bewegte Bilder ihn beim Entwurf von Lucky Luke doch sehr stark an den Zeichentrickfilm denken ließ. 1947 folgte dann die erste Lucky Luke-Story im Spirou-Magazin: „Die Goldmine von Dick Digger“ (Album erschien 1949 bei Dupuis als Band 1 der Serie).
In Deutschland begegnete Lucky Luke den Lesern erstmals im Dezember 1958 in „Der heitere Fridolin“. Von diesem Zeitpunkt an war der Westernheld fester Bestandteil der deutschen Comic-Magazine, von denen hier besonders Lupo Modern, Tip Top, Primo, ZACK und YPS zu nennen wären. 1972 startete der Koralle-Verlag eine Albenreihe, die nach vierzehn Ausgaben ab 1977 (Band 15 „Die Postkutsche“) vom Egmont-Ehapa-Verlag fortgesetzt wurde und noch heute dort erscheint.
Die Abenteuer von Lucky Luke wurden für viele Real- und Trickfilme erfolgreich für das Kino und TV adaptiert.
Während einer USA Reise 1949 lernte Morris in Wilton/Connecticut den 23jährigen René Goscinny kennen. Es gab viele Gespräche, durch die sich zwischen Morris und Goscinny eine Freundschaft unter Gleichgesinnten entwickelte. Damals entstand die Idee, gemeinsam an Lucky Luke zu arbeiten.
Die hohe Arbeitsbelastung veranlasste Morris dazu, die in den USA entwickelte Idee umzusetzen und Goscinny die Zusammenarbeit an Lucky Luke anzubieten. 1955 erschien mit Goscinny als Szenarist die erste gemeinsame Story: „Die Eisenbahn durch die Prärie“. Dieses war der Beginn einer langen Freundschaft und Zusammenarbeit. Goscinny war künftig für die Gags und das gesamte Szenario zuständig. Dadurch nahm die Qualität der Geschichten deutlich zu, die Witze häuften sich und durch die Verwendung historischer Personen und Ereignisse wurden die Storys realistischer.
Morris konnte sich nun vollständig auf das Zeichnen konzentrieren. Er hatte viel mehr Zeit, sich intensiv mit dem Seitenaufbau und den Bildinhalten zu befassen. Das führte natürlich zu einer weiteren Verbesserung der Geschichten in visueller Hinsicht.
Im Laufe der Zeit wurde das Duo Morris/Goscinny ein sehr gut eingespieltes Team. Morris hatte bereits für eine gewisse Entwicklung in seinen Geschichten gesorgt, indem er die Western-Dekoration um seine Helden aufbaute. Schon in den ersten Lucky Luke-Storys tauchten die typischen Blockhäuser auf, die Saloons, die Planwagen und Trecks, die durch die unendlichen Landschaften zogen, in denen sich sonst nur Gesetzlose und Geier herumtrieben. René Goscinny verfeinerte diese Hintergründe durch liebevolle und gut beobachtete Details. Er brachte die neuen Berufe ins Spiel, die sich durch die Eroberung des Westens so ergaben: Treckführer, Postkutschenfahrer, Postreiter, Scouts, Cowboys, Erdölsucher und andere.
Lucky Luke ist eine Parodie der amerikanischen Pioniergeschichte und des Western-Kinos „Made in Hollywood“. Lucky Luke ist ein Cowboy, der allerdings nie dazu kommt, sich um Rinder zu kümmern, denn er muss der Gerechtigkeit zu ihrem Sieg verhelfen. Er schlägt sich mit Viehdieben, Falschspielern und Banditen herum und begegnet wahren Persönlichkeiten der Pioniergeschichte. Lucky Luke ist anspruchslos, ehrlich und hat Sinn für Humor.
Er wird von seinem Pferd Jolly Jumper begleitet, einem intelligenten und gelegentlich auch etwas spöttischen Tier, dem der Gerechtigkeitstick seines Reiters schon mal auf die Nerven geht. Jolly Jumper war von Beginn an ein treuer Weggefährte seines Cowboys. Jolly sprach aber nicht von Anfang an. Erst in relativ „hohem“ Alter lernte er sprechen, was ihn jedoch nicht davon abhielt, eine besondere Schlagfertigkeit zu entwickeln. Das „sprechende Pferd“ war recht praktisch und eröffnete neue Möglichkeiten: es war Gesprächspartner für Lucky Luke, „Gaglieferant“ und diente bei Bedarf dazu, den Lesern eine bestimmte Situation zu erklären.
Zunächst waren die Lucky Luke-Storys alle frei erfunden. Die Geschichte des Wilden Westens ist jedoch voll von exotischen Figuren und historisch belegten Personen. Nach und nach fanden viele von ihnen Einzug in das Lucky Luke-Universum. Zu diesen zählten z.B. Roy Bean, Calamity Jane, die Daltons (die Echten), Jesse James, Billy the Kid, Sarah Bernhardt, Abraham Lincoln, Rutherford B. Hayes, William Cody (Buffalo Bill), Mark Twain und Frederic Remington. Diese, von der Realität vorgegebenen Personen, ergeben karikiert die besten Funny-Figuren für einen Comic. Außerdem entsteht durch die Verwendung dieser zeitgenössischen Figuren beim Leser der Eindruck, dass er eine wahre Geschichte verfolgt.
Typischer Bestandteil von Lucky Luke-Storys sind die originellen Begrüßungsschilder am Stadteingang (z. B. „Golden Glow: Fremder, hier suchten viele Gold und fanden nur Blei!“), die Sheriffs, Totengräber und berufsmäßigen Kartenspieler. Nicht selten verließen die Kartenspieler geteert und gefedert auf Eisenbahnschienen sitzend die Stadt. Die „Bösen“ sind in den Geschichten niemals grausam. Es bereitete Morris und Goscinny ein besonderes Vergnügen, die Desperados ins Lächerliche zu ziehen. Sehr amüsant sind auch die kuriosen Nebenfiguren: die Totengräber, die chinesischen Köche oder Waschsalon-Inhaber, rollstuhlfahrende Oldtimer oder Siesta haltende Mexikaner.
Sehr beliebt war bei den Lesern die Idee von Morris, Karikaturen von berühmten Filmschauspielern in seinen Geschichten auftreten zu lassen. Der Wiedererkennungseffekt bereitet den Lesern viel Spaß. Mit Jack Palance alias „Phil Steel“ verschaffte Morris zum ersten Mal einem „echten“ Filmschauspieler eine Comic-Rolle. Ursprünglich war dies als einmaliger Gag gedacht, aber dem Zeichner gefiel die Idee und so fanden im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Anzahl von bekannten Kino-Stars Eingang in die Abenteuer von Lucky Luke: Lee van Cleef als „Der Kopfgeldjäger“, W.C. Fields ist der Direktor im „Western-Zirkus“, David Niven als Anstandslehrer in „Calamity Jane“, Wallace Berry als Kutscher in „Die Postkutsche“, Louis de Funes in „Der einarmige Bandit“ und andere. Natürlich sorgte Morris auch für Auftritte von Gary Cooper, dem berühmten Western-Schauspieler und Regie-Legende Alfred Hitchcock.
Lucky Luke ist bei fast allen großen Ereignissen dabei, die sich im Wilden Westen abgespielt haben. Seine Abenteuer erlebt er vom Ende des amerikanischen Bürgerkriegs bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts. Lucky beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Westen, sondern zieht auch nach Kanada, Mexiko und an den Mississippi.
Was wären Lucky Luke-Geschichten ohne die Daltons! Die Dalton-Idee entstand während des USA-Aufenthalts. Morris sammelte in einer New Yorker Bibliothek Material über die Banditen, die eigentlich nur zu dritt waren. Einer der vier Brüder starb bereits, bevor die anderen drei kriminell wurden. Morris fand es aber viel lustiger, alle vier gemeinsam auftreten zu lassen. Außerdem hatte Morris einen Western-Film gesehen, der von den Daltons handelte. 1951/52 ließ Morris Lucky Luke in „Die Gesetzlosen“ erstmals auf die Daltons treffen. Er griff dabei auf die historisch belegten Gangster-Brüder zurück. In der Geschichte „Vetternwirtschaft“ traten dann 1957 erstmals mit Joe, Jack, William und Averell die Vettern der berühmt-berüchtigten Original-Daltons auf, um im Namen ihrer Verwandten Rache an Lucky Luke zu nehmen.
Morris entwickelte die Charaktere immer weiter, wobei besonders Joe und Averell in den Mittelpunkt rückten. Dabei spielte nicht nur die unterschiedliche Größe dieser beiden Brüder eine wichtige Rolle, sondern auch deren sehr deutlich auseinander liegende Intelligenz. Der eine ein Fiesling und Boss der Bande, der andere der Größte der Brüder, ziemlich begriffsstutzig und immer auf Nahrungssuche. Der Familienkreis der Daltons sollte sich im Laufe der Jahre noch erweitern: So erhielten die vier Daltons mit „Ma Dalton“ 1971 eine Mutter samt Katze. 1978 lernen die Leser in „Die Dalton-Ballade“, wenn auch nur auf dem Steckbrief, einen gewissen Onkel Henry Dalton kennen. 1998 kommt dann noch Onkel Marcel Dalton dazu. Er wird als Bruder von Ma Dalton vorgestellt und ist das schwarze Schaf der Familie, da er nicht kriminell ist. 2015 bekommen die Daltons in „Meine Onkels, die Daltons“ dann auch noch einen Neffen und Averell wird zum Paten bestimmt.
Morris hatte eine besondere Vorliebe für die Daltons. Die Vereinigung der Familie zur Ausführung von ungesetzlichen Handlungen hatte einen gewissen komischen Aspekt.
Und dann ist da noch Rantanplan, der seinen ersten Auftritt in der Geschichte „Den Daltons auf der Spur“ hat. Zunächst nur als Nebenfigur angelegt, wurde er im Laufe der folgenden Geschichten für die Handlung immer wichtiger. Der Hund ist zwar relativ dumm, hat aber ein gutes Herz und ist immer voller guter Absichten. Er geht jeder kritischen Situation, wenn er sie denn überhaupt erkennt, aus dem Weg. Er besitzt weder Spürsinn noch ist er besonders mutig. Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Fressen. Sein Schicksal ist eng mit dem der Daltons verbunden. Rantanplan ist nämlich der Gefängnis-Wachhund und aus diesem brechen die Daltons in schöner Regelmäßigkeit immer wieder aus. Am Ende der Geschichten werden sie von Lucky Luke jedoch immer wieder dort abgeliefert. Daran hat Rantanplan, wenn überhaupt, eher nur zufällig Anteil.
Lucky Luke ist heute noch so aktuell wie vor 80 Jahren. Dazu trugen sicher auch Autoren wie Bob de Groot, Lo Hartog van Banda und besonders Fauche/Léturgie bei, mit denen Morris seit dem Tod von Goscinny arbeitete und deren Szenarien den Abenteuern von Lucky Luke das gewisse Etwas verliehen.
Nach dem Tod von Morris übernahm Achdé die zeichnerische Gestaltung der neuen Lucky Luke-Geschichten, die grafisch ganz im Stil von Morris gehalten sind. Und so wird Lucky Luke, auch dank neuer Szenaristen wie Pennac, Benacquist, Gerra, Pessis oder Jul, noch lange für seine Fans Abenteuer erleben und am Ende jeder Geschichte singend der untergehenden Sonne entgegen reiten: „I’m a poor lonesome cowboy and a long way from home…“
(c) Fotos: Michael Hüster
Autor: Michael Hüster