Version eins, eines unbekannten Verfassers, 14. Jahrhundert:
Bei einem Festmahl fällt die Prinzessin unvermittelt in einen Schlaf. Die Kirche möchte sie angemessen beerdigen, der König jedoch verfügt, dass sie abgeschottet in einem unzugänglichen Turm untergebracht werde, denn er glaubt, dass sie nur schläft.
Andernorts lernt ein junger Mann Magie, um sie zu befreien. Er findet den Turm, ist so fasziniert von ihrer Schönheit und seiner Liebe zu ihr, dass er die Besinnungslose kurzerhand begattet. Sie wird schwanger und nachdem der junge Mann auch noch mit Hilfe eines schwarzen Vogels das Kraut findet, mit der sie erweckt werden kann, erwacht sie daraufhin und ist zunächst jedoch voller Abscheu für die Tat an ihr.
Das Ende ist ein wenig abrupt, ein Happy End offen. In der Geschichte spielen ein paar seltsame Wesen eine unklare Nebenrolle, vielleicht Dämonen, vielleicht Engel.
Die Episode mit der sexuellen Handlung ist hierzulande nicht üblich. Dafür dürfte ein oft mitspielender Aspekt so mancher Märchen - der hilfreiche schwarze Vogel – bekannt vorkommen.
Version zwei, die Charles Perraut zugeschrieben wird, Ende des 17. Jahrhunderts:
Bei der Taufe der Prinzessin sind Feen anwesend, die ihre Patenschaft mit wohlwollenden Wünschen für die Zukunft bekräftigen. Nur eine beleidigte Fee wünscht der Kleinen den Tod durch einen Stich in den Finger. Eine gute Fee mildert diesen Fluch zwar ab, kann ihn aber nicht vollkommen aufheben. Danach veranlasst der König, dass die Gefahrenquelle für den Stich im ganzen Reich vernichtet wird. Doch es kommt trotzdem zum fatalen Tiefschlaf der Prinzessin. Auch hier erlöst sie ein edler Prinz und sie heiraten. Aber die böse Schwiegermutter trachtet mit perfiden Gelüsten nach den Kindern, ihren Enkeln.
Beide Geschichten haben etwas Grausames, Unmoralisches, Unglückliches oder Bösartiges an sich, das jedoch im Sinne von Erlösung davon ein wichtiges Fazit sein kann. Quasi eine Wendung hin zum Guten durch Liebe.
Die sehr schönen Zeichnungen sind dem Thema mit konkreten Darstellungen und erwartetem Design angepasst. Also mit märchenhaften Hintergründen, mittelalterlichem Ambiente und mystisch-magischen Facetten.
Im Anhang finden sich Gemälde zeitgenössischer Künstler, die die schlafende Schöne porträtieren und andere Abbildungen. Dazu Erläuterungen von Luc Ferry, dem Mentor und Schöpfer dieser Serie von den Mythen der Welt.
Ein aufschlussreicher Comic, der das bekannte Märchen mal in interessanten anderen Varianten erstrahlen lässt! Sehr unterhaltend!
Mythen der Welt: Dornröschen
Szenario: Clotilde Bruneau, Zeichnungen: Gianenrico Bonacorsi
72 Seiten
Splitter
18,00 Euro
Autor: Rolf Pressburger