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13.12.2019

Zum 20. Todestag einer Comic-Legende

Greg, der Mann der u. a. Bruno Brazil, Comanche und Luc Orient erfand (Teil 1)

Greg, der Mann der u. a. Bruno Brazil, Comanche und Luc Orient erfand (Teil 1)

Michel Regnier, besser bekannt unter seinem Pseudonym ‚GREG’, gehörte zu den ganz großen und produktivsten Autoren der franko-belgischen Comic-Szene.

GREG war einer der wenigen herausragenden Autoren, der sowohl in dem Genre ‚Humor’ als auch in dem Genre ‚Abenteuer’ durch geniale Szenarien überzeugen konnte.

Zu seinen berühmtesten Serien in Deutschland, die vor allem durch ihre Veröffentlichungen in den 1970er Jahren im legendären Comic-Magazin ZACK eine breite Leserschaft erreichten, zählten die Abenteuergeschichten des ‚Andy Morgan’ (fr. Bernard Prince), der SF-Klassiker ‚Luc Orient’, die Agentenserie ‚Bruno Brazil’ und der Western ‚Comanche’. Doch GREG zeigte noch viele weitere Talente: So agierte er als Roman- und Drehbuchautor, und wirkte für das Comic-Magazin TINTIN und das Verlagshaus DARGAUD in führender Position. Für Dargaud verbrachte er viele Jahre in den USA.


Michel Regnier, der am 5. Mai 1931 in Ixelles, einem Vorort von Brüssel geboren wurde, entwickelte schon sehr früh eine ‚gewisse Berufung’ Geschichten zu erzählen: Jeden Morgen, auf dem Weg zur Schule, unterhielt er seine jungen Klassenkameraden mit diversen Erzählungen. Noch konnte niemand ahnen, dass aus dem kleinen Michel einmal einer der größten franko-belgischen Comic-Szenaristen werden sollte.

Michel war erst 12 Jahre alt, als von ihm 1943 im selbstgedruckten ‚Journal de Nouny’ erste humorvolle Texte und Karikaturen erschienen. Vier Jahre später schrieb und zeichnete er mit den Abenteuern von Nestor und Boniface für die belgische Tageszeitung Vers L’Avenir seinen ersten professionellen Comic. 1948 folgte im gleichen Blatt „Bill Badaboum“. 1951 machte Regnier, auf Vermittlung des Spirou-Herausgebers Charles Dupuis, die Bekanntschaft von André Franquin. Die Begegnung wurde zu einem fruchtbaren Informationserlebnis. Michel besuchte in der Folgezeit Kurse am Kunstinstitut Saint-Luc in Lüttich, die ihn jedoch nur wenig begeistern konnten.
1952 heiratete er Denise Stevens, mit der er zwei Kinder haben wird: Denis und Martine.
Ab 1953 erschien unter dem Pseudonym ‚Michel Denys’ der Comic ‚Le chat’, von dem bis 1956 insgesamt 26 Episoden in der Zeitschrift Héroïc-Albums veröffentlicht wurden. 1954 folgten im Magazin Spirou ‘Caddy’ (Le Temple aux tigres) und ‘Dopy et Badino’ (La grande Corrida).

Nachdem 1955 Regniers Versuch, ein eigenes Magazin mit dem Titel ‚Le journal de Paddy’ am Markt zu platzieren, nach nur fünf Ausgaben aus finanziellen Gründen fehlschlug (einer der Geldgeber für das Projekt zog sich zurück), wechselte Regnier zu Yvan Chérons Agentur International Press, das u. a. das Magazin LA LIBRE JUNIOR (Beilage von LA LIBRE BELGIQUE) belieferte, und als Goscinny, Uderzo, Hubinon und Charlier die Agentur verließen, war es die Aufgabe von Michel, die entstandenen Lücken zu füllen. Um mit der jüngsten unrühmlichen Vergangenheit abzuschließen, legte sich Michel Regnier ein neues Pseudonym zu. Er nahm die drei ersten Buchstaben seines Familiennamens und stellte ein G voran:  Michel G REG.

Für International Press schrieb und zeichnete GREG eine große Anzahl von Comics wie Fifi, Toutsy, Fleurette, Luc Junior (Zeichnungen: Sirius), Randy Rifle, Bison et Ouistiti, Bronco et Pepito, Alain et Christine (Zeichnungen: Martial) und Tiger Joe (Zeichnungen: Forton).

1956 begann GREG eine längere Zusammenarbeit mit André Franquin, für dessen Serie Modeste et Pompon (dt. Mausi und Paul) er Dutzende von Gags verfassen wird. Es folgten Szenarien für die folgenden, von Franquin gezeichneten Spirou-Alben: Le prisonnier du Bouddha (1958/59, dt. Gefangen im Tal der Buddhas), Tembo Tabou (1959, dt. Im Reich der roten Elefanten), Z comme Zorglub (1959/60), dt. Der Plan des Zyklotrop), L'Ombre du Z (1960, dt. Im Banne des Z) und QRN sur Bretzelburg (1961+63, dt. QRN ruft Brezelburg).

Für die von Mai 1958 bis Januar 1959 in Spirou veröffentlichte Geschichte ‚Gefangen im Tal der Buddhas’ arbeitete Franquin erstmals gemeinsam mit GREG, der schon ein echter Profi war, an einem Spirou-Album. Und so schwärmte der Zeichner von seinem Szenaristen: (...) „Ich erinnere mich, dass er Bild für Bild mit speziellen Angaben beschrieb. Wie ich mich kenne, habe ich mich bestimmt nicht geniert, Änderungen vorzunehmen. Aber GREG hat ja erklärt, dass ich der Unmöglichste unter den Zeichnern sei. Was ich ihm auch abnehme! (...)

Das zweite gemeinsame Werk, das Dschungel-Abenteuer ‚Im Reich der roten Elefanten’, besticht neben den professionellen Zeichnungen von Franquin durch einige tolle Ideen von GREG, der dem Marsupilami, einem palumbianischen Urwaldtier, die ungewöhnliche Fähigkeit verpasste, in Rasenmähermanier Termiten zu fressen, und auf diese Weise nicht nur den Helden das Leben zu retten, sondern zugleich auch seinen großen Hunger zu stillen.

Vom Team GREG/Franquin folgte ‚Der Plan des Zyklotrop’. Franquin präsentierte den Lesern mit diesem Album eine Neukonzeption der Serie: Mit dem Welteroberer Zyklotrop zieht moderne, ja fast futuristische Technik in die Handlung ein. Die Formel mehr Tempo = mehr Spannung sorgte für frischen Wind, nicht zuletzt ein Verdienst der neuen Ideen von GREG.
In der vierten gemeinsamen Story, ‚Im Banne des Z’, setzte Franquin seinem Szenaristen ein Denkmal, indem er ihn als diensteifrigen Zollbeamten verewigte.

Für das Album ‚QRN ruft Brezelburg’ schrieb Franquin das Szenario zunächst wieder selbst. Nach den ersten acht gezeichneten Seiten brach er seinen Album-Versuch ab, denn er hatte sich hoffnungslos in seine Szenario-Ideen verstrickt. In dieser schwierigen Lage bat er erneut GREG, eine umsetzbare Handlung zu entwerfen. Es wurde schließlich GREGs fünfte Spirou-Geschichte (Quellen: ZACK 54 + 60, MOSAIK Verlag, Spirou-Artikelserie von Volker Hamann).

In dieser Phase begegnete GREG in der TINTIN-Redaktion dem Zeichner Tibet (in Deutschland vor allem durch Rick Master bekannt, frz. Ric Hochet), für den er von 1957 bis 1965 mehr als tausend Seiten von Chick Bill schreiben wird. Diese Serie sollte jedoch nicht die einzige sein, die GREG für TINTIN schrieb bzw. zeichnete. Es folgten u. a. Corentin und Line (Zeichnungen: Cuvelier), Chlorophylle (Zeichnungen: Macherot), Prudence Petitpas (Zeichnungen: Maréchal) und die eigenen Serien Rock Derby, Broussaille, Bolivar, Babile et Zou und Zig, Puce et Alfred.

1959 erhielt GREG von Hergé und Tintin-Herausgeber Raymond Leblanc das Angebot, für ein Zeichentrickfilm-Projekt des französischen Fernsehens eine Reihe von Tim und Struppi-Abenteuer zu adaptieren. Es wurden jeweils Kurzfilme mit einer Länge von fünf Minuten produziert. GREGs Drehbücher entfernten sich allerdings oft sehr weit von den Originalvorlagen. Insgesamt wurden sieben Alben verfilmt (Reiseziel Mond, Die Krabbe mit den goldenen Scheren, Das Geheimnis der Einhorn, Der Schatz Rackhams des Roten, Der geheimnisvolle Stern, Die Schwarze Insel und der Fall Bienlein). Auf Grund des großen Erfolges dieser Fernsehproduktionen machte sich die Filmgesellschaft Belvision später an die Produktion der Kinofilme.

GREG versuchte mehrfach mit Hergé zusammenzuarbeiten. Er schrieb Szenarien sowohl für ‚Tim und Struppi’- als auch für ‚Jo, Jette und Jocko’-Abenteuer. Hergé zeigte sich durchaus interessiert und machte einige Entwürfe. Letztendlich legte er die Projekte aber immer wieder zu den Akten. Hergé sah sich einfach nicht in der Lage, sich in Szenarien anderer Autoren hineinzufinden. Er benötigte seinen individuellen Freiraum, eine Geschichte in seinem Sinn zu entwickeln. Ebenso verfuhr Hergé mit einem Szenario von van Melkebeke und Heuvelmans für ein Tim und Struppi-Mondabenteuer.

Für Pilote kreierte GREG 1963 seine Serie ‚Achille Talon’ (Text und Zeichnungen GREG, dt. Albert Enzian), die später sogar als Zeichentrickfilm zu TV-Ehren kam. Eigentlich entstanden die Achille Talon-Onepager (oder auch ‚Two-Pager’) zunächst nur deshalb, weil Goscinny, damals Chefredakteur bei Pilote, diese Geschichten brauchte, um gelegentlich ausbleibende Werbeseiten zu kompensieren. Umso erstaunlicher, dass diese GREG-Serie eine bemerkenswerte Langlebigkeit und große Beliebtheit bei den Lesern entwickelte. Bis 1976 bestanden die Gags aus ein- oder zwei Seiten, danach folgten längere Abenteuer. Sehr schön sind die Wortspiele, literarischen Anspielungen und scharfsinnigen Dialoge, die GREG in Achille Talon einbaute, und die den Reiz der Serie ausmachen.  (…)  

Weiter in Teil 2

Autor: Michael Hüster