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13.12.2019

Zum 20. Todestag einer Comic-Legende

Greg, der Mann der u. a. Bruno Brazil, Comanche und Luc Orient erfand (Teil 2)

Greg, der Mann der u. a. Bruno Brazil, Comanche und Luc Orient erfand (Teil 2)

Michel Regnier, besser bekannt unter seinem Pseudonym ‚GREG’, gehörte zu den ganz großen und produktivsten Autoren der franko-belgischen Comic-Szene.

GREG war einer der wenigen herausragenden Autoren, der sowohl in dem Genre ‚Humor’ als auch in dem Genre ‚Abenteuer’ durch geniale Szenarien überzeugen konnte.

Zu seinen berühmtesten Serien in Deutschland, die vor allem durch ihre Veröffentlichungen in den 1970er Jahren im legendären Comic-Magazin ZACK eine breite Leserschaft erreichten, zählten die Abenteuergeschichten des ‚Andy Morgan’ (fr. Bernard Prince), der SF-Klassiker ‚Luc Orient’, die Agentenserie ‚Bruno Brazil’ und der Western ‚Comanche’.

(…)  1965 mietete der Autor ein Appartement am Place du Roi Vainqueur in Brüssel an. Dieses wurde künftiger Sitz des Comic-Studios GREG, dessen erste Mitarbeiter Robert Pire, Jean-Marie Brouyère, Dany, Dupa, Hermann und Vicq waren. Nach der Gründung seines eigenen Studios verließ GREG International Press.
Von 1966 an übernahm GREG die Position des Chefredakteurs beim Comic-Magazin Tintin und brachte frischen Wind in die Seiten des Heftes. In dieser Zeit kreierte er einige seiner berühmtesten Serien, die von talentierten Zeichnern in Panels umgesetzt wurden:  ‚Bernard Prince’ (ab 1966, dt. Andy Morgan) mit Hermann und zusammen mit Eddy Paape ‚Luc Orient’ (ab 1967), ebenfalls ab 1967 ‚Bruno Brazil’ mit William Vance (GREG benutzte für diese Serie das Pseudonym ‚Louis Albert’ um eine Überpräsenz seines Namens zu vermeiden) und ab 1969 ‚Comanche’, erneut mit dem Zeichner Hermann.

Weitere GREG-Szenarios entstanden in dieser TINTIN-Phase für Zeichner wie Dany (Olivier Rameau), Dupa (Petit Biniou), Joel Azara (Clifton), Derib (Go West), Paape (Tommy Banco), Auclair (Les naufragés d’Arroyoka), Fahrer (Cobalt), Aidans (Les panthères), Chéret (Domino) und viele andere.

Die Auswirkungen von GREGs Arbeiten waren beeindruckend: Bis Ende der 1960er Jahre stieg die Auflage der beiden belgischen und der französischen Ausgabe von TINTIN auf weit über 600.000 Exemplare!!!  

1969 adaptierte er für Hergé ‘Tintin et le temple du soleil’ (dt. ‘Der Sonnentempel’). Etwa 300 Mitarbeiter waren ein Jahr lang mit der Produktion beschäftigt. Die Filmmusik wurde von Francois Rauber und Jacques Brel komponiert. Für die Verfilmung erfolgten einige Veränderungen am Szenario. So wurde unter anderem der Beginn des Albums ‚Die sieben Kristallkugeln’ zu einer Konferenz umgestaltet und wichtige Teile weggelassen. Andererseits wurde eine Tanzszene, in der es um die Rettung des armen Zorrino geht, neu hinzugefügt.

Einen weiteren Höhepunkt während GREGs Zeit als Chefredakteur erlebte TINTIN 1972: Das Magazin erhielt den berühmten Comic-Preis ‚Yellow Kid’ auf dem Comic-Festival von Lucca/Italien als ‚Beste europäische Comic-Zeitschrift’.
Im gleichen Jahr schrieb GREG das Originalszenario für den Zeichentrickfilm ‚Tim und der Haifischsee’, der von Bob de Moor für den Comic zum Film bearbeitet wurde. Für diesen Film hatte GREG die Jo, Jette und Jocko-Geschichte ‚Die Geheimnisvollen Strahlen’ zu einem Tim-Abenteuer umgestaltet: Kurzerhand wurden deren Rollen in dem Film durch die syldawischen Geschwister Niko und Nuschka und ihren Bernhardinerhund Gustav ersetzt.

1974 verließ GREG das Magazin Tintin. Im folgenden Jahr übernahm er den Posten des literarischen Direktors bei Dargaud, wo er Nachfolger von Jean-Michel Charlier wurde. Als Georges Dargaud von einer friedlichen Invasion der Vereinigten Staaten durch seine Autoren träumte, bezog GREG 1982 ein Verlagsbüro in Greenwich/Connecticut und versuchte, den franko-belgischen Comic in den USA zu etablieren. Der US-Markt zeigte jedoch nur wenig Interesse an den europäischen Comics. Nach seiner Rückkehr aus den USA schrieb der Autor die zwei ersten, durch Batem und Franquin gezeichneten Marsupilami-Episoden ‚Tumult in Palumbien’ und ‚Panda in Panik’ für Marsu-Productions.

1976/1977/1978 war GREG zudem für das Fernsehen in Frankreich und in der Schweiz tätig.

Bei seinen etablierten Serien kam es beim Part des Zeichners im Laufe der Jahre zu diversen Änderungen: Nachdem Hermann als Zeichner nicht mehr zur Verfügung stand, wurden zwei Andy Morgan-Szenarien zunächst von Dany, zwei weitere von Edouard Aidans in Bilder umgesetzt.
Neuer Zeichner der bei Dargaud erscheinenden Serie ‚Comanche’ wurde ab 1990 Michel Rouge. Für den gleichen Herausgeber begann GREG im folgenden Jahr, gemeinsam mit Michel Blanc-Dumont, die Serie ‚Colby’.
GREG war inzwischen nicht mehr der Jüngste und die Gesundheit machte ihm Probleme. Eine Augenkrankheit zwang ihn dazu, immer weniger zu zeichnen und zu schreiben. Für drei Millionen Francs verkaufte er schließlich seinen Achille Talon an Dargaud.

Für sein Comic-Lebenswerk wurde GREG mit den Titeln ‚Grand Prix des Arts Graphiques’ (1987) und ‚Chevaliers des Arts et Lettres’ (1988) ausgezeichnet.

Für Magazine und Zeitschriften wie LA LIBRE JUNIOR, SPIROU, PILOTE, TINTIN u. a.  schrieb der unglaublich produktive und fantasievolle Szenarist eine Fülle von erfolgreichen Serien, von denen er nicht wenige auch selbst zeichnete. Er war damit einer der erfolgreichsten und wichtigsten Künstler des franko-belgischen Comics. Am 29. Oktober 1999 verlor die Comic-Welt einen ihrer ganz großen Autoren.

Autor: Michael Hüster