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Rezension
15.03.2010

Brian Fies – Und wir träumten von der Zukunft

Ein Rückblick auf die Welt von Morgen

Ein Rückblick auf die Welt von Morgen

 Die neue Graphic Novel von Brian Fies fordert den Leser zum Mitdenken auf und dieser wird dadurch reichhaltig belohnt. 

Der Knesebeck-Verlag, der mit dem Slogan „das besondere Buch“ wirbt, hat vor einiger Zeit mit dem vorab als Online-Comic veröffentlichten „Mutter hat Krebs“ von Brian Fies nicht nur einen kleinen Hit mit einer Graphic Novel, der Band hat darüber hinaus sogar den deutschen Jugendliteraturpreis 2007 (Sparte Sachbuch) erhalten. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob ein Jugendbuchpreis tatsächlich auch als Zielgruppenpublikum angepeilt war, aber geschadet hat es dem Band auf keinen Fall.

Der Erfolg hat Mut gemacht und so baut Knesebeck langsam und kontinuierlich das Programm mit Comics resp. Graphic Novels aus. Natürlich lag es auf der Hand, den Nachfolgeband von Brian Fies mit aufzunehmen, der jüngst auch erst in den USA erschienen ist. Doch „Und wir träumten von der Zukunft“ macht es sich und seinen Lesern erst einmal gar nicht so leicht. Natürlich fehlt der autobiographische Ansatz, der den ersten Band  schon fast von allein trug. Aber auch sonst gibt sich Fies verspielter, verschachtelter, komplexer und alles in allem auch etwas anspruchsvoller.

„Und wir träumten von der Zukunft“ trägt den Untertitel „Eine Geschichte von Hoffnung und Wandel“ und der Wandel – allen voran der Wandel der technischen Möglichkeiten – ist auch das Kernthema des Buches. Fies beschwört in seinem Buch noch einmal eine Zeit in Amerika, als der Glauben an den Fortschritt unumstößlich positiv gesehen wurde und zu einem Lebensgefühl wurde. Die beiden Hauptfiguren sind ein Vater und sein Sohn, die Fies fast ein halbes Jahrhundert lang begleitet.

Er beginnt auf der Weltausstellung 1939, als sich die beiden die Augen aus dem Kopf staunen ob der technischen Neuerungen und euphorisch nach vorne schauen, nur der Vater zweifelt, ob er überhaupt Schritt halten kann bei den ganzen Innovationen. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel. Während der Sohn die jüngere Generation verkörpert und den Veränderungen unbedingt optimistisch entgegensieht, hadert der Vater und blickt ein wenig ängstlich, was ihn und die Gesellschaft da erwartet. Diese Ausgangssituation variiert Fies in den folgenden Kapiteln, sie sich jeweils ein Jahrzehnt weiter allesamt mit einer bestimmten Neuerung auseinandersetzen.

Fies baut Unmengen an interessanten Hintergrundinformationen ein, die belegen, wie präzise er für die Geschichte recherchiert hat. So beleuchtet er die Rolle, die Walt Disney mit seinen wissenschaftlichen TV-Shows in den 1950ern für den Fortschrittsglauben spielte oder er stellt Wernher von Braun vor. Die Apollo-Missionen werden geschildert und die ersten Astronauten werden beim Spaziergang im All begleitet. In diesen Passagen kombiniert Fies gezeichnete Bilder und Fotografien und erzeugt so eine außerordentliche Authentizität.

Als wäre das alles aber noch nicht genug, verfolgt Fies noch einen zweiten, nicht minder interessanten Handlungsstrang: Die Veränderung des US-amerikanischen comic books. Integriert in die Story sind über die Jahre hinweg 4 Comichefte  von der fiktiven Serie „Space Age Adventures“. Dabei handelt es sich um klassische Science Fiction Abenteuer wie es sie zuhauf in Amerika gab. Diese sind im Buch auch durch eine andere Papierwahl abgesetzt, was den Druckprozess vermutlich nicht billiger werden ließ, aber den Eindruck, dass es sich hier um ein „besonderes Buch“ handelt mehr als verstärkt. Dadurch zeigt Fies, wie sich das comic book verändert hat und zugleich den Einfluss der Comics auf die Popkultur (und den Fortschritt).

„Und wir träumten von der Zukunft“ ist ein sehr komplexes Werk, das einige Zeit mit der Auseinadersetzung in Anspruch nimmt. Aber nicht nur Technik-Freaks kommen voll auf ihre Kosten, das Buch ist randvoll mit Informationen ohne dass die Lesbarkeit dabei leidet. Mit dem Nebenstrang die Geschichte der comic books abzubilden, lockert Fies die Handlung auf und berichtet auf unterhaltsame und interessante Art von den Veränderungen in der Industrie. Fies’ Plädoyer für ein positiveres Denken zeigt die Möglichkeiten einer Graphic Novel auf, denn hinter den einfach gehaltenen Zeichnungen verbirgt sich ein geradezu humanistischer Gedanke. Der Fortschritt, der hier gezeigt wird, bezieht sich auf das ganze Medium. Und so ganz nebenher ist Fies Comic auch eine Art Metacomic wie Zeit im Comic dargestellt werden kann. Über solche Bücher können ganze Seminarsarbeiten geschrieben werden – und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint.

Eine sehr ausführliche Leseprobe findet sich hier:
www.book2look.com

Brian Fies
Und wir träumten von der Zukunft
Hardcover, 120 Seiten, farbig, 25,9 x 16,8 cm
ISBN: 9783868731507
Preis: 24,95EUR  

Autor(en): GG

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