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12.06.2020

comicplus+

hört auf – und weiter?

hört auf – und weiter?

Den Verlag gibt es seit 35 Jahren. Damit ist comicplus+ der älteste inhabergeführte Comicverlag in Deutschland. 2020 wird comicplus+ offiziell beendet. Dank Corona gibt es keine Kracherfete, und ob in diesem Jahr wirklich alles aus ist, weiß man auch noch nicht so genau.

Euer 35jähriges Jubiläum wolltet ihr groß in Erlangen feiern. Daraus ist nun nichts geworden.

Wir sind nicht die einzigen, die sich vom diesjährigen Comic-Salon etwas versprochen haben. Ich bin froh, dass wenigstens unser Jubi-Buch fertig geworden ist. Dessen Titel, „Alles kommt, wie’s kommen muss“, ist ja nun zutreffend fatalistisch.

 

 

 

 

 

Mit den neuen Gesamtausgaben von „Unterwegs“ und „Agent Alpha“ habt ihr gleichzeitig zwei Serien beendet...

Das sechsbändige „Unterwegs“ ist weltweit die einzige Gesamtausgabe von Ceppis Comic, über 900 Seiten spannende Reiseabenteuer. Kann ich nur empfehlen! Band 6 enthält auch das letzte Album der Serie, „Lady of Shalott“, das in Frankreich nicht unter dem Serientitel gelaufen ist. In ihm schließt sich der Kreis: Stephan Clément, der „Held“, kehrt nach Jahrzehnten endlich wieder in seine Heimatstadt Genf zurück. Dort ist es aber nicht ruhiger als in Usbekistan, wo er sich vorher rumgetrieben und wo er fast sein Leben verloren hat.

 

Aber das ist noch nicht so ganz das Ende des Verlags, wenn man den Gerüchten glauben darf.

Zum „offiziellen“ Programm gehören erst mal noch die Herbsttitel. Es kommt wie gewohnt ein neuer Band von „Deutsche Comicforschung“, und wenn du uns kräftig die Daumen drückst, liefern die Franzosen rechtzeitig die Druckvorlagen zu Band 5 von „Der Schrei des Falken“. Gezeichnet ist das neue Album schon; ich habe es vorab lesen können.

Außerdem habt ihr im Jubi-Buch eine einbändige Gesamtausgabe angekündigt, „Evropa“, ein „Roadmovie“ aus Slowenien. Das ist ein Land, aus dem bei uns kaum Comics bekannt sind.

Aber der Zeichner von „Evropa“, Tomaz Lavric alias TBC, ist bei comicplus+ kein Unbekannter. Von ihm stammte der vierte Teil von „Zehn Gebote“. Seitdem haben wir ihn im Auge behalten, und das hat sich gelohnt. Von „Evropa“ sind in Frankreich zwei Alben erschienen. Ich hatte mich schon darauf eingerichtet, dass die Geschichte damit beendet ist – bis ich dann im Internet vom dritten Teil las, den es nur in Slowenien gibt. Wir haben jetzt einen direkten Kontakt zum Zeichner, und Lavric ist sensationell gut. Sehr wahrscheinlich kommt im nächsten Jahr noch etwas von ihm bei comicplus+.

Das hört sich jetzt aber nicht nach Verlagsende an! Bevor ich darauf zurückkomme, erzähl doch erst mal was von „Evropa“. Worum geht es dabei?

Der Comic spielt 1999. Die Hauptfigur ist Zile, ein Serbe, der alle Schweinereien der Jugoslawienkriege mitgemacht hat und nun im gelobten Europa ein neues Leben anfangen will. Dummerweise stützt er sich dabei auf einen Onkel, der in Dortmund der Chef eines kriminellen Clans ist. Zile bekommt von Europa nur das Schlechteste zu sehen. Das ist unheimlich rasant und rotzig erzählt und gezeichnet, ein ganz individueller Stil, von dem wir denken, dass er bei den Lesern gut ankommen wird. Lavric hat es einmal ein „Roadmovie“ genannt, weil Zile seine krassen Abenteuer in Italien, Frankreich, in Deutschland und Serbien erlebt. Tatsächlich ist es aber eine Aufarbeitung des Kriegs, eine streckenweise sehr direkte und brutale Aufarbeitung, die lange nachwirkt.

Ist das der Einstieg in eine neue Verlagslinie bei comicplus+?

In gewisser Weise schon, wobei der Verlag vom kommenden Jahr an aber wirklich auf kleinster Flamme kocht. Zwei Titel sind in Planung; ob die im Sommer oder im Herbst kommen, weiß ich noch nicht.

Kannst du dazu schon was sagen?

Von Lavric werden wir eine sehr ungewöhnliche Darstellung des Lebens von Jesus Christus bringen, eine Geschichte, die das Christentum ziemlich auf den Kopf stellt. In Frankreich ist “Yeshua“ nur in Schwarzweiß erschienen; bei uns kommt es in Farbe. Was das zweite Buch angeht, habe ich mich noch nicht festgelegt. Wir werden auch künftig nur Gesamtausgaben bringen, die aber nur einen, höchstens zwei Bände umfassen. Ich habe da einige Perlen im Regal stehen, auf die es sich zu warten lohnt. Wir gehen damit weg von den bekannten frankobelgischen Serien. Ich möchte auch in Zukunft gern anspruchsvolle Comics machen, dicke Bücher mit Inhalten, die nahe an der der Realität sind. Das soll gute Unterhaltung sein, mit guten Erzählern und Zeichnern. Unsere Bände „Azrayen“ und „Verzweifelt“ haben schon ein bisschen den Vorgeschmack gegeben.

Also wird man auch künftig von comicplus+ hören.

Aber ja. Mit nur zwei Neuerscheinungen im Jahr wird es vielleicht ein bisschen schwieriger, sich gegen die Masse an anderen Comics Gehör zu verschaffen, aber das wird schon. Comicplus+ ist dann nicht mehr Mainstream, sondern eher Geheimtip.

Autor: Michael Hüster