News - Rezensionen


27.11.2019

Knesebeck

Wannsee

Wannsee

Fabrice Le Hènanff ist ein studierter bildender Künstler aus der Bretagne. Er schuf schon einige Comics, u.a. auch einen mit dem Thema des 2. Weltkrieges.

Er ist also „vom Fach“, wenn es darum geht, konkrete Darstellungen dieser Ära zu Papier zu bringen.
Wannsee ist der Ort, an dem im Winter 1942 eine illustre Schar von Hochrangigen über das Thema der Juden sich beratschlagt. In einer vornehmen Villa erörtern sie unter strengster Geheimhaltung die Möglichkeiten, wie das zu bewerkstelligen sei. So entsteht eine minutiös dargelegte Entscheidungsfindung, die natürlich nirgendwo in historischen Belegen nachzuweisen ist. Denn schon da wurde sehr viel Wert auf Verschwiegenheit gelegt. Auch Abschriften und Protokolle unterlagen nach dem Lesen der Zerstörung. Nur durch das akribische Durchforsten von Archiven, Arbeiten von Historikern und Filmen gelang es dem Autor einigermaßen, die fiktionalen Stunden dieses Seminars nachzuerzählen. Wie der Grundtenor dabei gewesen sein muss, ist hinlänglich bekannt. Man sah eine große Gefahr im Judentum und in der Vermischung des Blutes. Vollkommen offen und gefühllos werden Aktionen durchgesprochen, wie sie eben eine Zeit später auch durchgeführt worden sind. Dabei geht es „herrschaftlich“ zu. Zwischen gutem Essen und Cognac handelt man ein Thema ab, das einem eigentlich den Bissen und den Schluck im Hals stecken lassen sollte.
Die Zeichnungen sind sehr gut gestaltet, aufgrund von Foto- und Filmvorlage auch sehr realistisch. Ein Manko dabei ist, dass handlungsmäßig fast nichts passiert. Seitenweise Gesichter in Panels sind nicht sehr abwechslungsreich. Erfreulicherweise wählt Hènanff etliche Perspektivwechsel und Ansichten von Gebäuden zur Auflockerung. Geschniegelte Uniformen und die typische Ästhetik des Regimes sind exemplarisch. Ein Schmankerl ist die wie zufällig arrangierte Jagdsituation einer Katze. Eine Hommage an Spiegelmanns Graphic Novel „Maus“.
Graphisch eine herausragendes Werk, vielleicht ein wenig eintönig; was lässt sich auch schon darstellen auf einer Sitzung?
Inhaltlich in ähnlicher Weise eher von dokumentarischer Qualität, ein Protokoll in Bildern. Allerdings ist dieser Comic wirklich sehr aufschlussreich, denn er bewegt sich in historischen Tatsachen, wobei die Dialoge in dieser Form wie erwähnt nicht historisch belegt sind.
Ein lehrreicher Comic, eine Offenbarung der arroganten Haltung und der fast industriell geplanten und organisierten Vernichtung. Erschreckend in seiner radikalen Sprache hinsichtlich dieser „Endlösung“. Eigentlich vollkommen unspektakulär in Wort und Bild, aber eben auch gefühlskalt, in der Menschen wie Sachen beurteilt und zur weiteren „Verarbeitung“ bestimmt werden. In einem Anhang in Comicform werden die Teilnehmer von Wannsee konkreter vorgestellt.

Wannsee
Text und Zeichnungen: Fabrice Le Hènanff
88 Seiten
Knesebeck
24,90 Euro

Autor: Rolf Pressburger