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20.06.2022

Finix

Servais - Der Zerknüllte Brief - Gesamtausgabe

Servais - Der Zerknüllte Brief - Gesamtausgabe

In der Burg Jamoigne im Süden Belgiens werden zu Beginn der 1940 Jahre jüdischen Kinder unter falschem Namen versteckt und erzogen.

Als Pfadfinder lernen sie Disziplin, erleben aber auch ein relativ unbeschwerte Kindheit und Jugend mit Spielen in der wunderschönen Landschaft. Einer der Jungen, Sylvain, verliebt sich die hübsche junge Frau Pauline, die aus dem nahe gelegenen Dorf auf die Burg kommt und hilft, anliegende Hausarbeiten zu erledigen. Er schreibt ihr einen Liebesbrief. Doch sie hat einen Liebhaber und nimmt Sylvain nicht ernst. Eines Tages kommen deutsche Soldaten auf die Burg und durchsuchen alles. Pauline ist geschockt, sie fühlt sich schuldig, denn sie vermutet, die Soldaten sind ihr gefolgt. Sie stellt sich die Gräuel vor, die man Juden antut und flieht.
Knapp 40 Jahre später setzt die Episode ein, in der Pauline voller Schuldgefühle ihr Leben nicht im Griff hat und doch an den Ort ihrer vermeintlichen Schande zurückkehrt.

In wunderschönen Zeichnungen mit naturgetreuen Umweltdarstellungen erzählt Servais hier eine zunächst romantischen und bittersüße Kindheit vor geschichtlichem Hintergrund, das in eine Tragödie und einem tragischen Rührstück mündet. Der realistischen Zeichnungen der Gebäude und der Natur sind ein Augenschmaus. Sie wechseln ab mit einigen Bilder des ebenso wirklich gewesenen Grauens, die jedoch sehr sparsam eingefügt sind. Das Augenmerk in der Grafik liegt auf der besinnlich-nachdenklichen Ebene, die visuell einfach schön ist.

Servais gelingt es, aus der scheinbar schon ausgequetschten Thematik dieses Kapitels der europäischen Historie neue Facetten zu extrahieren. In sensibler und genauer Wiedergabe des Lebens in der dörflichen damaligen Zeit mit Nebenschauplätzen und -ereignissen zeichnet er in Wort und Bild eine Geschichte, die den Zeitkolorit der Handlungsebenen detailverliebt wieder gibt.

Während der erste Teil schon im Epsilon Verlag unter dem Titel „Ein peinlicher Brief“ unvollständig erschienen ist, hier nun beide Teile in einem Band. Die Fortsetzung ist weniger romantisch. Pauline, die sich wie im Wahn des öfteren als verflucht beschimpft, hat ihre Schuldgefühle nicht überwunden. Doch ein Klassentreffen der ehemaligen Pfadfinder ist die Fügung, die Pauline und Sylvain final am Ort ihrer ersten Begegnung wieder aufeinander treffen lässt!

Ein anspruchsvoller und sehr unterhaltsamer Comic, gefühlvoll und gefühlsaufwühlend. Erstes Verliebtsein mit erster Enttäuschung. Ein Frau, die ihr Leben lang nicht über eine schicksalhafte Entscheidung hinwegkommt. Und ein Fazit, das zwar tragisch ist, aber Hoffnung in sich trägt. Ein Gegenstück zu all den schrecklichen Dingen, die auch des einen oder anderen Herz vom Schmerz zu erlösen vermag: Menschlichkeit und Liebe!

Servais – Der zerknüllte Brief – Gesamtausgabe
Text und Zeichnungen: Jean-Claude Servais
96 Seiten
Finix
26,80 Euro

Autor: Rolf Pressburger