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29.11.2019

„Und so ist Magda in sein Leben gekracht.“

KOMMISSAR FRÖHLICH kriegt eine Tochter und der Stil der Zeichnungen wandelt sich in aufregender Weise

KOMMISSAR FRÖHLICH kriegt eine Tochter und der Stil der Zeichnungen wandelt sich in aufregender Weise

Gerhard Förster sieht darin genug Gründe für ein Interview mit Stephan Hagenow

GF: Stephan, ich verfolge dein enorm umfangreiches Werk am Rande schon seit vielen Jahren. Mit dem an der Welt leidenden Kommissar Fröhlich hast du eine Serie geschaffen, die intellektueller ist als deine früheren Comics. Ab Band 8 kam Farbe hinzu, was der Serie gut tat. Ab Band 9 wurde das Format vergrößert und der Umfang von 58 auf 108 Seiten erweitert. Mit Band 9 änderte sich auch der Zeichenstil. Die grafische Umstellung war anfänglich noch nicht so perfekt, aber ab Band 10 „Heilige Stimmen“ warst du darin schon Profi. Inzwischen gibt´s bereits Band 13. Ich muss sagen, der neue Hagenow hat was! Was steckt dahinter?

Hagenow: Ich war schon seit vielen Jahren unzufrieden, was die Autoren- und auch künstlerische Seite von mir betraf. Die zu geringe Seitenanzahl verhinderte vieles. Immerhin handelt es sich um eine Dramaserie, bei der ich um Tiefgang und starke Charaktere bemüht bin. Auch musste ich mich von Idolen wie Hermann lösen, da sie für mich unpassend waren. Ich fasste dann den Mut, mich direkt an Hermann zu wenden. Der bemerkte sofort, dass ich mich in einer künstlerischen Sackgasse befand und gab minimalistisch ein paar Weisheiten an mich weiter, die tatsächlich sehr hilfreich waren. Ich habe dann einen radikalen Cut gemacht, um mich neu zu definieren (allerdings mit den Erfahrungswerten der letzten 40 Jahre) und lotete meine Stärken und Schwächen aus, um auf den Punkt zu kommen und Ruhe in mein Seelenleben zu kriegen. Band 9 „Wenn Kowalski kommt“ war der Sprung ins kalte Wasser. Doch bei dem Nachfolgeband gewann ich an Kraft und Sicherheit. Als Inspiration suchte ich mir die Hugo-Pratt-Spätphase aus. Pratt wirkte hier völlig losgelöst und befreit von seinem einstigen Vorbild Milton Caniff. Ab hier war für mich klar, wohin die Reise geht. Der neue Stil soll viel Freiraum für die hauseigene Phantasie lassen. Es werden Dinge quasi nur noch angedeutet. Das erfordert eine erhöhte Bereitschaft des Lesers, sich damit auseinanderzusetzen. Inhaltlich geht es um realitätsbezogene Dramen von heute. – Die Vorlage für Fröhlich war übrigens „Der Bulle“ mit Jean Gabin.

GF: In Band 10 „Heilige Stimmen“ taucht in Fröhlichs Leben Zuwachs auf: Magda, seine Tochter, von der er nichts wusste und die nun bei ihm einzieht. Nach anfänglichem Knatsch sind die beiden froh, dass sie einander haben. Und auch ich möchte die eigenwillige Punkerin nicht mehr missen. Wie kam es dazu?
Hagenow: Nach dem Relaunch meiner Serie, tauchte bei dem Kowalski-Band ein inhaltliches Problem auf: Der sarkastische Unterton verlor an Kraft, da ich anfing, mich zu wiederholen. Meine weise Mutter hatte die rettende Idee: Der Fröhlich-Crew fehlte noch ein entscheidender Charakter, das Gegengewicht zu Fröhlich. Und so ist Magda plötzlich in sein Leben gekracht. Ich hatte sofort eine Vision, wie sie zu sein hatte, so als wäre sie schon immer da gewesen und wartete nur noch auf den Startschuss. Magda sollte aber auch einen Kontrast zu Fröhlichs rebellischem, autonomem Sohn Max darstellen. Sie konnte somit nur als introvertiertes, milieugeschädigtes Punkergirl eingesetzt werden. Inzwischen ist sie für mich der kraftvollste Charakter der Serie, da sie gnadenlos ehrliche Gefühle vermittelt. Zudem hat sie eine Cliffhanger-Handlung eingeführt. Ihr Weg geht weiter von Band zu Band. Das interessiert jetzt sogar auch eine weibliche Leserschaft.

GF: Von den neuen Bänden habe ich bisher nur „Heilige Stimmen“ gelesen. Die Geschichte um eine wahnsinnige Frau, die ihre Kinder ermordet hat, fand ich interessant und nicht so voraussehbar, wie ich anfänglich dachte.
Hagenow: Die Story entstand nach einer wahren Begebenheit. In unserer Region in Niedersachsen passierten einige Gräueltaten à la „Schweigen der Lämmer“. Auch wenn meine Auflösung eine andere war als in der Realität, genügte es, um in der Hamburger Morgenpost einen zweiseitigen Artikel zu erhalten.

GF: Wie geht´s weiter?
Hagenow: Nach „Wenn Kowalski kommt“, „Heilige Stimmen“, „Neun Leben“, „Allein“ und „Der Montagsmann“ erscheint im November Band 14 „Schwarzes Schaf“. Auch Band 15-16, mit neuem Seitenlayout, sind bereits in Arbeit. Magdas Anteil ist mal größer mal kleiner, aber sie ist immer irgendwie präsent, wie ein imaginärer unheilvoller Schatten. Heile Welt sieht anders aus. In „Schwarzes Schaf“ steht allerdings die Polizistin Birgit Stolz im Vordergrund, die sich aufgrund familiärer Probleme für eine Seite entscheiden muss. – Inzwischen gibt es ja auch nach über zehn Jahren einen Relaunch von EINAR, DER WIKINGER im selben Format. Band 1 erscheint im Nov. / Dez. 2019 bei Gringo-Comics. Auch dort ist eine Frau, die amazonenhafte Indianerin Weeneh-Tha, die eigentliche Hauptfigur. Mein Jahresoutput beträgt zwar jetzt nur noch lächerliche 300 Seiten, aber das ist wohl ein Tribut ans fortgeschrittene Alter.

GF: „Nur“ 300 Seiten ... du schlägst immer noch locker alle anderen. Stephan, ich wünsch dir das Allerbeste. Und den Lesern empfehle ich, sich die Serie zumindest ab Magdas erstem Auftritt in Band 10 „Heilige Stimmen“ zuzulegen.

Die Veröffentlichung des Interviews aus der neuen Sprechblase erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Förster.

Die neue SB bei PPM

Autor: Michael Hüster